Übergang vom Berufsleben zum Rentnerdasein

Drei Wochen Korfu hatte er sich gegönnt. Gleich am nächsten Sonntag nach seinem letzten, seinem allerletzten Arbeitstag war Ludwin zusammen mit seiner Tochter in den Flieger gestiegen. Es war Frühling, Vorsaison, das konnte er sich ein Mal leisten, auch wenn seine Rente bescheiden sein würde. Korfu erblühte in den schönsten Farben, die man sich nur vorstellen konnte. Das grüne, das bunte Korfu, die Blumeninsel Griechenlands. Sie bezogen zwei nette Zimmer in einem kleinen Hotel nahe dem Strand. Barbara hatte sich um alles gekümmert, schon Monate vor Ludwins Abschied aus der Firma. Zur Feier seiner Pensionierung, dachte sie, begleite ich ihn mal ein paar Tage und mache endlich auch wieder Urlaub vom Stress in der Kita. Ihre Mutter, Ludwins Ehefrau, hatte nicht mitkommen wollen. Ihr war nicht nach Reisen, hatte sie gesagt. Barbara blieb zwei Wochen, gemeinsam erkundeten sie die Insel, was sich ganz gut anließ, es war noch nicht so heiß wie im Sommer und Ludwin kam nur selten aus der Puste, trotz seines Raucherhustens. Am liebsten allerdings lag der ältere Herr am Strand, las in seinem Tucholsky oder schlief, planschte ein wenig in der sanften Brandung herum, fing sich einen Sonnenbrand ein und stöhnte am Abend beim Essen scherzhaft über das Brennen auf seinem Rücken. Es würde nicht schlimm werden, das wusste er. Weiterlesen

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Mein erster Kinobesuch

Es war ein Sonntagnachmittag im Spätsommer, als ich zum ersten Mal in meinem Leben ein Kino besuchte. Ich ging noch nicht zur Schule, denn dieser Kinobesuch war sozusagen mein Geschenk zum bevorstehenden allerersten Schultag am nächsten Morgen. Meine Erinnerung daran ist ein bisschen lückenhaft, an manche Dinge erinnere ich mich gar nicht mehr, andere habe ich bis heute nicht vergessen. Man weiß eben nie, was in Erinnerung bleibt. Ganz sicher war es aber im Jahr 1970, ich war fünf, Früheinschuler, und furchtbar aufgeregt, weil ich zum ersten Mal ins Kino durfte. Aufgeregt war ich aber sowieso schon seit Tagen, weil ich meine Schultüte, die ich am folgenden Morgen bekommen sollte, schon entdeckt hatte. Auf dem Wohnzimmerschrank hatte sie jemand ganz schlecht vor mir versteckt. Eine große, orangerote Schultüte mit einer Kuppe aus Krepppapier, so dunkelrosa wie die reifen Sauerkirschen, die in unserem Garten gerade am Baum hingen. Morgen schon würde ich sie stolz in Händen halten, so wie meine älteren Geschwister auf ihren Einschulungsfotos, und Schultüten, das hatten mir meine Geschwister verraten, waren immer voll mit Süßigkeiten und Spielsachen. Mein unbedeutendes Kinderleben ohne Sinn und Verantwortung würde bald zu Ende sein und einer viel erwachseneren Existenz weichen. Ich würde kein kleines Kind mehr sein! Nie mehr! Ich durfte sogar heute schon ins Kino. Als ich in Begleitung meiner Mutter das Filmtheater in der Nachbarortschaft erreichte, wusste ich aber nicht, dass der Abschied von meinem unschuldigen Kinderdasein ganz anders stattfinden würde, als ich dachte, und dass er außerdem unmittelbar bevorstand. Allerdings nicht nur mir. Weiterlesen

Mysterium

Warum bleibst du nicht?
Wenn ich dich doch gesucht habe
wie ein Verdurstender einen See sucht
um ihn auszutrinken
Immer wieder
Wenn du mich doch verwandelt hast
Und die Welt dazu
Jedes Mal
Wenn doch jeder dich will,
dich braucht, um ganz zu sein
versteinert, wenn du dich nicht zeigst
dich vermisst, wenn du fort bist
stirbt, weil du dich abwendest
oder gar tötet, wenn du gehst.
Warum bleibst du dann nicht?

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Valentinstag

Frag nicht. Woher soll ich denn das wissen. Es ist ein dreckiger, eiskalter Kerker. Ein Fleischermesser in deinem Unterleib, das dich aufschlitzt bis zum Hals und eine Schusternadel, die dich wieder zunäht mit grobem Faden, wieder und wieder und wieder und wieder wenn du nicht aufpasst. Es geht immer wieder von vorne los. Wenn du dich nicht in Sicherheit bringst rechtzeitig, aber wann ist schon rechtzeitig, wenn es bereits geschehen ist, und es wird geschehen, irgendwann, unvorbereitet trifft es dich, du hast ja keine Ahnung. Weiterlesen

Super

Habe heute der Geschäftsleitung Jemen vorgeschlagen. Unbeackerte Felder für einen globalen Dienstleister wie uns sind nun mal schwer zu finden. Soll ein Kurzkonzept entwickeln, haben die gesagt. Sitze schon am Handout, die paar Basics hacke ich im Halbschlaf zusammen. Glaube, die haben was vor mit mir. Habe deshalb beschlossen, Tagebuch zu führen. Das wird was Wichtiges mit Jemen, da will ich alles notieren, wird ’ne super Story, ich mach da ein Buch draus, Markterschließung für echte Kerle oder so, Verlag wird kein Problem, das verkauft sich wie bescheuert.

Habe der Geschäftsleitung im Handout als Einstieg in den Markt dort unten eine Event-Agentur vorgeschlagen, Name: DAS PERFEKTE FEST, Veranstaltungen all inclusive, Festivitäten, Feiern und so was, ganz groß für die reichen Kameltreiber, natürlich übersetzt, keine Ahnung, wie das dann heißt, kann ja auch keiner aussprechen die Scheiße. Sind voll drauf angesprungen. Soll das Projekt vor Ort leiten. Ich wusste es, die haben was vor.

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Glanz


Beinahe Stille. Mehr und mehr Sonnenlicht bricht sich Bahn durch die letzten aufgewirbelten Sandwolken und umher schwebenden Objekte, die bald auch zu Boden gesunken oder von der Strömung sanft fortgetragen worden sein werden. Große, silbrig glitzernde Augen spiegeln sich in mir, deren mit ihnen verbundenes Gehirn nicht im Entferntesten zu erfassen in der Lage sein dürfte, was gerade geschehen ist und warum es geschehen ist, nicht einmal, warum das Bild, das diese Augen sehen, auf dem Kopf steht, das Bild der ganzen Welt.
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Riesen

Wir streiften ohne Ziel umher. Es war ein Nachmittag, vielleicht ein Samstag oder Sonntag, vielleicht auch ein Ferientag. Die Wiesen am Hügel über unserer Siedlung glänzten satt vom Aprilregen, noch immer schwebten hingesprühte Tröpfchen durch die Luft. Bei jedem Schritt sanken unsere Gummistiefel unter unseren sechsjährigen, koboldleichten Körpern tief ins nasse Gras. In der Nähe unserer Grundschule fing uns ein feines Geräusch ein wie mit einem unsichtbaren Cowboylasso und wir ließen uns fesseln. Wir blieben stehen, folgten dem Geräusch, schauten zu Boden. Um unsere Stiefel floss die Wiese. Aus der Flanke des Hügels drückte das Wasser wie aus einem vollgesogenen Schwamm. Zahllose Rinnsale gluckerten durch das Gras den sanften Hang hinunter zu einem Ablaufgraben, in dem wir in den Schulpausen manchmal spielten, denn er grenzte direkt an den Schulhof der Sankt-Martin-Grundschule. An einigen Stellen des Abhangs lag die Erde frei und das Wasser hatte bereits Rinnen in den weichen Boden gespült. Ein großer, offener Flecken, nicht so abschüssig wie die Wiese seitlich von ihm, hatte eine Menge dieses Wassers gesammelt, das Erdreich dort war mit dem Regen eine verheißungsvolle Verbindung eingegangen. Keine einzige Fußspur sahen wir darin, weit und breit kein Mensch außer uns, die Schule verlassen. Der schlammige Pfuhl lag unberührt zu unseren Füßen. Wir sahen gleich, dass da noch mehr Wasser hin konnte. Wir mussten es nur geschickt vom Hang ins Schlammloch hinein leiten. Wir mussten Kanäle bauen und Dämme, viele Dämme und viele Kanäle. Also gingen wir, mein bester Freund und ich, an die Arbeit. Weiterlesen

Die Schlacht am Prenzlauer Berg – Epos in fünf Gesängen


Erster Gesang
Phaeton, der ewige Läufer, der Erde entstieg in den Nebeln des
Frühlings, zog strahlend und singend wohl über der Ebene weit seine
Bahn. Von den östlichen Auen der Lychener Straße hinauf zu dem
Schimmernden Rund welches Heimat athletischer Kämpfer im Lichte der
Masten voll Sonne, das Sechsganggetriebe, es drängt ohne Fehl.
Hat auch des Kofferraums endlose Weite die Kindergeburtstags-
Ausrüstung verschlungen wie einst Polyphem des Odysseus Gefährten,
Als wöge sie nichts und als wollte die Mutter nicht auch noch den Grill und den
Jammernden Hund und die leuchtenden, fliegenden Scheiben, die hellblauen
Kästen vogesischen Wassers und tropischer Säfte von fremden
Gestaden und vielerlei Wahl Bionade in wiederverwertbaren
Flaschen mit öligen Händen von Schutzfaktor fünfzig aus örtlichem
Handel verstauen, trägt schwer doch der Wagen an Waffen und Mensch.
Zum nördlichen Rand des zerschundenen Feldes hin eilt der Koloss mit den
Jungen, den Mädchen, der Frau, die sich rüstet, dem Hund und dem Federball-
Netz, zu spießen die Stangen tief in die Erde, auf dass nicht der
Wind es vernichte, Äolos‘ mächtige Hand es zerreiße wie
Flüchtige Watte. So stehn an der Pforte zum Platze die Truppen,
Vereinigt mit hundert aus allradgetriebenen Panzern gestiegenen
Kriegern des Prenzlauer Berges, geführt von Männern und Frauen,
Beladen und fordern heraus schon die Gegner bevor sie gesammelt sich
Hinter dem Kessel, des Mauerparks mythischem Rund, das zu nehmen sie
Alle zu kämpfen und sterben bereit sind, Heroen ein jeder!

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