Mein Werwolf. Lesen einer Fährte

Ein Essay über Angst, Männer und die zerstörerische Kraft des Verschweigens

Dies ist ein recht langer Essay. Ich empfehle, möglichst die „Leseansicht“ Ihres Browsers zu verwenden.

Ein US-Straßenkreuzer fährt nachts eine Tankstelle an. Während sich das schaukelnde 70er-Jahre-Ungetüm der Zapfsäule nähert, wird auf dem Dach der Limousine kauernd eine Gestalt erkennbar. Es ist ein Wesen mit menschlichem Körper in einem Smoking, aber mit behaarten Füßen, Klauen und einem gänzlich behaarten Wolfsgesicht mit mörderischen Fangzähnen. Es wartet ab, bis die Fahrerin des Wagens aussteigt und stürzt sich dann, als sie es bemerkt und schreiend im Tankwarthäuschen Schutz suchen will, auf sie. Schnitt.

Der Film „Der Werwolf von Washington“ von 1973 wurde am 4. Mai 1977 im Deutschen Fernsehen im Spätprogramm gesendet und ist ein eher untypisches Beispiel für das kritische, politische, junge US-Kino der damaligen Epoche. Und er machte mir, dem es irgendwie passiert war, viel zu spät in genau dieser Mittwochnacht vor dem einzigen Fernsehgerät im Haus zu sitzen, ein unbeabsichtigtes Geschenk. Er schenkte mir die Angstfigur, die augenblicklich alle bisherigen aus meiner Psyche verjagte und für die nächsten fast dreißig Jahre die Herrschaft über meine Amygdala, mein neuronales Angstzentrum, übernahm und weit, sehr weit darüber hinaus.

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Ein Buch über Alice Miller – von ihrem Sohn

In diesem Sommer erschien ein wichtiges Buch, das für heftige Diskussionen sorgte: das Buch des schweizer Psychotherapeuten Martin Miller über seine Mutter, die Kindheitsforscherin Alice Miller, ihre Kindheit und seine Kindheit und Beziehung mit seiner Mutter und seinem Vater, Überlebende des Holocaust. Ich kannte Alice Miller, habe einige Jahre mit ihr zusammen in Internetforen gearbeitet, telefoniert, geschrieben, bin ihr aber nie persönlich begegnet. Mit ihrem Werk habe ich mich sehr intensiv auseinandergesetzt, was der Grund für unsere Zusammenarbeit war. Sie starb 2010. Warum ich das Buch ihres Sohnes so wichtig finde, erkläre ich in dieser Besprechung:

„Das wahre Drama des begabten Kindes“ von Martin Miller Weiterlesen