Wer’s glaubt

Zur März-Lesebühne war ich Themenbeauftragter und hatte obiges Thema gelost. Da mich zu dieser Zeit die Frage des Wissens beschäftigte, schrieb ich einen Essay.

Zuerst speichern Sie bitte folgendes ab: Dies ist ein Essay. Ich hatte überlegt, den Text „wilde Spekulation“ zu taggen, aber „Essay“ klingt viel glaubwürdiger. Jetzt kann’s losgehen:

„Niemand würde am Ende des neunzehnten Jahrhunderts geglaubt haben, dass diese Welt aufmerksam und sehr genau beobachtet wurde von Intelligenzen größer als die des Menschen und doch so sterblich wie er selbst; dass die Menschen untersucht und studiert wurden, während sie ihren alltäglichen Angelegenheiten nachgingen, ähnlich genau wie ein Mensch die kurzlebigen Organismen, die in einem Wassertropfen umherschwirren und sich vermehren, mit einem Mikroskop studiert.“

So beginnt „Der Krieg der Welten“ von H.G. Wells. Und schon in diesem kurzen Absatz ist fast alles enthalten, womit sich der folgende Text befassen soll: Glauben, Wissen, Neugier, Angst. Fehlt noch: Gesellschaft. Aber ganz fehlt sie hier auch nicht. Zum Beispiel ging gerade „Krieg der Welten“ in die Geschichte ein, indem Orson Welles ein Hörspiel daraus machte, als praktisch jeder in den USA ein Radio und noch niemand ein Fernsehgerät hatte. Sein Umgang mit dem Stoff und mit dem Medium führte dazu, dass viele Hörer tatsächlich glaubten, Marsianer griffen die Erde jetzt, in diesem Moment an, wo sie in ihrer Guten Stube mit der Familie am Gerät saßen, und ihr letztes Stündlein habe geschlagen. Sie waren so überzeugt davon, dass manche bewaffnete Trupps bildeten und in die Nacht hinaus zogen, um gegen Marsmenschen zu kämpfen.

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Die ersten 37 Minuten heute

März 2020

Ich habe meine Bettdecke mit der linken Hand berührt, sie zurückgeschlagen und mich aufgesetzt, als der Wecker und das Smartphone piepten. Dabei habe ich das Bettlaken mit der rechten Hand berührt.

Ich habe mit der rechten Hand den Schalter meiner Nachttischlampe berührt und sie angeschaltet.

Ich habe meine Brille auf dem Nachttisch mit der rechten Hand berührt, sie genommen und aufgesetzt.

Ich habe die Aus-Taste meines Weckers mit dem rechten Zeigefinger berührt, um den Weckton auszuschalten.

Ich habe mein Smartphone mit der rechten Hand berührt, es genommen und das Display mit dem linken Zeigefinger berührt, um den Weckton und den Flugmodus auszuschalten.

Danach habe ich das Smartphone mit der rechten Hand auf mein Kopfkissen fallen lassen, ohne das Kopfkissen mit der Hand zu berühren.

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Für Klaus T.

November 2019: Theweleits „Männerphantasien“ erscheinen derzeit in Neuausgabe. Ich erfuhr davon über ein Interview, während ich an der obigen Grafik arbeitete, und es gab den Ausschlag zur Endfassung meiner Arbeit. Sie greift Kampfrufe deutscher und US-amerikanischer Neonazis auf. Ich bitte jeden: Lesen Sie „Männerphantasien“!

Unsagbares muss man eben schreiben

Eine autobiografische Geschichte.
Beitrag für die „REINGELESEN“-BLOGPARADE

DSCF7528-001Zwei Jungs auf dem Land, Freunde, beste Freunde, vielleicht sieben, acht, neun Jahre alt. Wir verbrachten viel Zeit damit, über die Wiesen, Felder und Viehweiden zu streunen, weit und breit kein Anderer, kein Erwachsener, keine Aufsicht. Nur die Freiheit, zu tun, wonach uns gerade der Sinn stand. Was erlaubt war und was nicht, meist blieb es Vermutung.

In einem Sommer stand uns der Sinn danach, Milchkühe durch ihre Koppel zu treiben. Das hatte irgendjemand schon mal gemacht, wir hatten davon gehört. Diese riesigen Geschöpfe ließen sich von uns kleinen Kerlen wegtreiben? Die Kuhweide lag direkt vor uns. Niemand sonst zu sehen außer Kühen. Wir vermuteten stark: Das war wohl nicht erlaubt, Kühe treiben.

Die Tiere ließen sich tatsächlich von uns über die Weide scheuchen. Hin und her trieben wir sie, wir mussten gar nicht viel tun, und unsere anfängliche Angst vor den Kolossen wich einem köstlichen Gefühl von Stärke – und Unachtsamkeit. Weiterlesen

Das anlasslose Kettensägenmassaker


Danke, dass Sie so spontan noch einen Termin einschieben konnten, es ist wirklich … dringend, ich bin verstört, ich … seit heute Morgen … OK, also … ich … sage also, was mir so durch den Kopf geht? Alles, was eben so kommt … klar. Alles klar … frei assoziieren … wie immer. Also einfach … alles klar … Aber ich fange mit heute Morgen an. Heute Morgen habe ich … das geht mir den ganzen Tag durch den Kopf, seit heute Morgen, ich werde es nicht los … also, ich habe SpiegelOnline angeguckt, mal die wichtigsten Schlagzeilen von Weihnachten überflogen, was so passiert ist. Und da kam wieder dieser … Schmerz. Ja, ein Schmerz, es hat sehr, sehr weh getan. Vielleicht, weil die Weihnachtstage dazwischen lagen, etwas Abstand, keine ausführliche Zeitungslektüre, Entwöhnung, nun also wieder Schlagzeilen. Aber soweit ja nichts  … grundsätzlich Außergewöhnliches … aber dann, dann hat es mich wirklich erwischt, und seitdem habe ich sie wieder, diese Angst. Die Angst vor dem nächsten Schmerz.   Weiterlesen