Schau doch, da ist nichts.

Eine Einladung zur Salonage „Männerart – alte und neue Männerbilder“ von Isobel Markus am 18. November dieses Jahres in der Lettrétage/Studio acud gab den Anstoß, meinen Essay „Mein Werwolf“ auch in voller Länge und in Buchform dorthin mitzubringen. Ohne lange Planung und in kurzer Frist veröffentlichen heißt: selbst veröffentlichen. Das Booklet erscheint heute im Handel. (UPDATE DEZ. 2022: möglicherweise gibt es Verzögerungen bei der Auslieferung von B.O.D! Bitte haben Sie etwas Geduld.)

Über seinen langjährigen geheimen Begleiter und die Ursachen und Umstände von dessen Existenz wollte der Autor Michael Wäser schon oft schreiben. Doch erst nach der Fertigstellung seines dunklen „Heimat-Romans“ Das Wunder von Runxendorf schienen alle Teile am rechten Platz. „Mein Werwolf“ ist ein sehr persönlicher und zugleich ins Historische ausgreifender Essay.

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Mein Werwolf. Lesen einer Fährte

Ein Essay über Angst, Männer und die zerstörerische Kraft des Verschweigens

Dies ist ein recht langer Essay. Ich empfehle, möglichst die „Leseansicht“ Ihres Browsers zu verwenden.

Ein US-Straßenkreuzer fährt nachts eine Tankstelle an. Während sich das schaukelnde 70er-Jahre-Ungetüm der Zapfsäule nähert, wird auf dem Dach der Limousine kauernd eine Gestalt erkennbar. Es ist ein Wesen mit menschlichem Körper in einem Smoking, aber mit behaarten Füßen, Klauen und einem gänzlich behaarten Wolfsgesicht mit mörderischen Fangzähnen. Es wartet ab, bis die Fahrerin des Wagens aussteigt und stürzt sich dann, als sie es bemerkt und schreiend im Tankwarthäuschen Schutz suchen will, auf sie. Schnitt.

Der Film „Der Werwolf von Washington“ von 1973 wurde am 4. Mai 1977 im Deutschen Fernsehen im Spätprogramm gesendet und ist ein eher untypisches Beispiel für das kritische, politische, junge US-Kino der damaligen Epoche. Und er machte mir, dem es irgendwie passiert war, viel zu spät in genau dieser Mittwochnacht vor dem einzigen Fernsehgerät im Haus zu sitzen, ein unbeabsichtigtes Geschenk. Er schenkte mir die Angstfigur, die augenblicklich alle bisherigen aus meiner Psyche verjagte und für die nächsten fast dreißig Jahre die Herrschaft über meine Amygdala, mein neuronales Angstzentrum, übernahm und weit, sehr weit darüber hinaus.

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Die ersten 37 Minuten heute im März 2020


[Nachtrag August 2021: Heute endlich musste ich im Traum weinen.]

Ich habe meine Bettdecke mit der linken Hand berührt, sie zurückgeschlagen und mich aufgesetzt, als der Wecker und das Smartphone piepten. Dabei habe ich das Bettlaken mit der rechten Hand berührt.

Ich habe mit der rechten Hand den Schalter meiner Nachttischlampe berührt und sie angeschaltet.

Ich habe meine Brille auf dem Nachttisch mit der rechten Hand berührt, sie genommen und aufgesetzt.

Ich habe die Aus-Taste meines Weckers mit dem rechten Zeigefinger berührt, um den Weckton auszuschalten.

Ich habe mein Smartphone mit der rechten Hand berührt, es genommen und das Display mit dem linken Zeigefinger berührt, um den Weckton und den Flugmodus auszuschalten.

Danach habe ich das Smartphone mit der rechten Hand auf mein Kopfkissen fallen lassen, ohne das Kopfkissen mit der Hand zu berühren.

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Unsagbares muss man eben schreiben

Eine autobiografische Geschichte.
Beitrag für die „REINGELESEN“-BLOGPARADE

DSCF7528-001Zwei Jungs auf dem Land, Freunde, beste Freunde, vielleicht sieben, acht, neun Jahre alt. Wir verbrachten viel Zeit damit, über die Wiesen, Felder und Viehweiden zu streunen, weit und breit kein Anderer, kein Erwachsener, keine Aufsicht. Nur die Freiheit, zu tun, wonach uns gerade der Sinn stand. Was erlaubt war und was nicht, meist blieb es Vermutung.

In einem Sommer stand uns der Sinn danach, Milchkühe durch ihre Koppel zu treiben. Das hatte irgendjemand schon mal gemacht, wir hatten davon gehört. Diese riesigen Geschöpfe ließen sich von uns kleinen Kerlen wegtreiben? Die Kuhweide lag direkt vor uns. Niemand sonst zu sehen außer Kühen. Wir vermuteten stark: Das war wohl nicht erlaubt, Kühe treiben.

Die Tiere ließen sich tatsächlich von uns über die Weide scheuchen. Hin und her trieben wir sie, wir mussten gar nicht viel tun, und unsere anfängliche Angst vor den Kolossen wich einem köstlichen Gefühl von Stärke – und Unachtsamkeit. Weiterlesen

Das anlasslose Kettensägenmassaker


Danke, dass Sie so spontan noch einen Termin einschieben konnten, es ist wirklich … dringend, ich bin verstört, ich … seit heute Morgen … OK, also … ich … sage also, was mir so durch den Kopf geht? Alles, was eben so kommt … klar. Alles klar … frei assoziieren … wie immer. Also einfach … alles klar … Aber ich fange mit heute Morgen an. Heute Morgen habe ich … das geht mir den ganzen Tag durch den Kopf, seit heute Morgen, ich werde es nicht los … also, ich habe SpiegelOnline angeguckt, mal die wichtigsten Schlagzeilen von Weihnachten überflogen, was so passiert ist. Und da kam wieder dieser … Schmerz. Ja, ein Schmerz, es hat sehr, sehr weh getan. Vielleicht, weil die Weihnachtstage dazwischen lagen, etwas Abstand, keine ausführliche Zeitungslektüre, Entwöhnung, nun also wieder Schlagzeilen. Aber soweit ja nichts  … grundsätzlich Außergewöhnliches … aber dann, dann hat es mich wirklich erwischt, und seitdem habe ich sie wieder, diese Angst. Die Angst vor dem nächsten Schmerz.   Weiterlesen