Oeverdings Sammlung – Kurzgeschichte

Die Nacht war kalt, die Luft trocken. Ich fahre nicht gerne auf nassen Straßen, wenn die Lichter sich an den Schlieren auf der Windschutzscheibe in unzählige Farben brechen. Farben lenken mich ab. Aber diese Gefahr bestand nicht. Ich machte diese unregelmäßigen Nachtdienste bei der ärztlichen Bereitschaft schon seit vielen Jahren. Jüngere Kollegen schauten mich schräg an, weil ich mir das noch zumutete, aber es ist für einen Allgemeinmediziner in der Großstadt eine der wenigen Möglichkeiten, Hausbesuche zu machen und trotzdem jedes Mal einen neuen Fall vor sich zu haben.

Über meine Einsätze führe ich Buch. Damit meine ich nicht den Papierkram, der nun mal dazugehört, sondern meine eigenen Aufzeichnungen. Seit meinem ersten Einsatz habe ich jeden einzelnen in ein Notizbuch eingetragen. Ein paar Stichworte, ohne Namen und Adressen, vielleicht eine Zeichnung, ein paar Gedanken zu dem Fall, der Wohnung, der Straße. Ich benutze dafür Skizzenbücher, unliniert, mit festem Einband und kräftigem Papier. Bleistifte. Federhalter. Das kommt vielleicht daher, dass ich früher mal Künstler werden wollte und ein paar Semester lang auf die hiesige Akademie ging. Das ist lange her.

Als die Meldung in dieser Nacht hereinkam, zog sich sofort etwas in meinem Nacken zusammen. Noch bevor sich meine Erinnerung regte, reagierte mein Organismus. Ich kannte den Namen von früher, und der Adresse nach wohnte dieser Mann noch in demselben Stadtteil wie damals, hatte dort vielleicht seine ganze Existenz verbracht. Damals, als ich glaubte, ein großer Maler werden zu können. Ich sah noch einmal auf die Meldung. Auch sein Alter mochte stimmen. Er musste alle anderen Professoren von damals überlebt haben. Weiterlesen

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