„République“ – Auszug aus unveröffentlichtem Romankapitel

(Erzähler ist ein Pressefotograf, der sich zum ersten Mal in Europa aufhält.)
“ … Auf einem mächtigen, weißen Sockel reckte die bronzene Statue ihren Arm in die Höhe, einen Zweig in der Hand, vermutlich einen Ölzweig, ein Friedenszeichen. Nach der Métro-Station zu urteilen war dies „die Republik“, und rund um den steinernen Sockel befanden sich weitere Frauenfiguren, diese aber in Stein gehauen, und über ihnen stand in den Sockel gemeißelt, wofür sie ihre weibliche Gestalt zur Verfügung stellten: LIBERTÉ, EGALITÉ und FRATERNITÉ. Zu Füßen von ihnen allen stolzierte ein grimmig dreinblickender, bronzener Löwe vor der Säule, dessen Bedeutung ich nicht herausfand. Hinter ihm stand die Jahreszahl „1789“ in den Sockel gemeißelt, also vielleicht war er eine Allegorie auf die große Revolution. Rund um den Sockel, unterhalb der Frauenfiguren, waren rechteckige Bronzereliefs mit eher historischen als allegorischen Szenen eingelassen, jedes mit einer zugehörigen Jahreszahl versehen. Das waren wohl die Geburtstage der Republik, insgesamt zwölf an der Zahl, vom 20. Juni 1789 bis zum 14. Juli 1880. Eine schwere Geburt, dachte ich. Immer wieder musste sie von Neuem geboren werden. Diesen hier hatte man also ein Denkmal gesetzt, als man wohl nicht glaubte, dass sie noch weitere Geschwisterchen bekommen würden – oder besser gesagt, Nachfolgerinnen. Welche Revolution ist schon mit einem Mal getan? Und was ist „getan“, in Kairo, in Tunis, in Kiew und wo überall noch? Hier vor mir war es selbst mit zwölf Mal nicht getan. Die Tafel direkt zu Füßen der großen Statue, sie trug eine Inschrift, die ich mit „Menschenrechte“ übersetzen konnte. Die stammten, das wusste ich, noch von ihrer ersten Geburt, und sie gehörten wohl seitdem dazu. Vielleicht war sie auch bloß durch mehrere Kindheitsphasen gegangen, mehrere Pubertäten, Adoleszenzen und so weiter. …“

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Charliberté

 

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Relativierung

In meinem aktuellen Romanprojekt geht es u.a. um die Situation von Journalisten in Ländern, in denen sie nicht vom Staat geschützt werden – durch gesicherte Presse- und Meinungsfreiheit. Mit der Bewertung auch dieser Situation in verschiedenen Indizes, z.B. von Reporter ohne Grenzen (R.O.G.), befasste sich am gestrigen Tag eine Diskussionsveranstaltung der Deutsche Welle Akademie. Was ich auf der Veranstaltung lernte:

1. Bahaeddin Güngör, Leiter der Türkisch-Redaktion der Deutschen Welle, nahm kein Blatt vor den Mund und beschrieb die Situation von Journalisten und Pressefreiheit in der Türkei schonungslos. Besonderheit: Die miserable Bewertung der Türkei durch R.O.G. scheint für die Regierenden dort sogar eine Auszeichnung zu sein, mit der sie sich seit Jahren als erfolgreiche Bändiger der Reportermeute brüsten. Das kommt an, bei Kollegen, Wirtschaft und Wählern. Dass es so traurig darum bestellt ist, war mir nicht klar. Da freut man sich ja unbändig auf die Türkei in der EU. Zu dem Thema später mehr. Weiterlesen