Was uns kenianische Paviane über Jahrtausende der Gewalt zwischen Menschen sagen können

Wie viel Pavian steckt im Menschen? Man muss in der Hierarchie der biologischen Systematik ziemlich weit nach unten scrollen, um auf die Stelle zu stoßen, ab der unsere Gemeinsamkeiten enden: die Teilordnung „Altweltaffe“. Paviane und Menschen sind beides Altweltaffen. Weiter unten in der Systematik kommen nur noch zwei Obergruppen, „Familie“ und „Gattung“, die bei Pavianen anders lauten als bei uns. Doch die vorangestellten gemeinsamen Zugehörigkeiten und die daraus ersehbare Jahrmilliarden dauernde gemeinsame – nein, identische – Evolutionsgeschichte lassen schon erahnen, dass uns mehr verbindet, als dass wir an verschiedenen Ecken derselben Straße wohnen.

Spätzünder

Was wir mit allen Primaten gemeinsam haben, ist unter anderem die im Vergleich zu eigentlich allen anderen Tieren enorm lange Phase der Kindheit. Primaten, besonders Menschen, brauchen länger. Das liegt vor allem an unserem komplexen Gehirn mit seinen kognitiven Fähigkeiten und unserem Sozial- und Gefühlsleben, das uns, im Zusammenspiel mit der anatomischen, eine einzigartige, auch kulturelle Evolution ermöglicht hat. Eine Folge dieser Eigenheit der Menschen ist unsere ausgeprägte Anpassungsfähigkeit oder auch: Formbarkeit, besonders während der Kindheit. Kein Tier dieses Planeten ist in seiner Psyche wohl so beeinflussbar, so abhängig von Umständen, Vorbildern, von Lernen, von sozialer Interaktion wie der Homo sapiens, dicht gefolgt von den anderen Primaten. Das hat vermutlich entscheidend zu unserem Erfolg beigetragen. Und es hat uns zur mörderischsten Spezies der Welt gemacht.

Die erste Wahl: Gewalt

Gäbe es in der Tierwelt so etwas wie Psychologen, sie wären so gut wie arbeitslos. Ganz anders beim Menschen. Unsere Psyche scheint so etwas wie einen stabilen Normalzustand überhaupt nicht zu kennen. Kaum ein Mensch durchläuft in seinem Leben keine tiefgreifende seelische Krise, erleidet keine psychische Erkrankung oder verabschiedet sich nicht sogar ganz aus dem aktiven – oder friedlichen – Sozialleben. Eine Auswirkung dieser Umstände ist schon seit wir uns erinnern können: Gewalt. Damit meine ich Gewalt als neue Dimension des Zusammenlebens zwischen Individuen, Gruppen und Nationen, welche es nur unter Menschen gibt. Krieg, Massenmord, Gewalt in Gesellschaft und Familie sind in dieser Ausprägung und diesem Ausmaß vollkommen uns Menschen vorbehalten.

Raue Sitten

Trotzdem: Ein Umgang, wie ihn Paviane pflegen, wäre heutzutage auch unter Menschen als dauerhaft bestehende Ordnung schwer vorstellbar. Paviane leben in Gruppen – größer als eine Familie, kleiner als eine Herde. Ein einziger großer Baum in der Savanne reicht einer solchen Gruppe als Zuhause aus. Also ist die Gruppe überschaubar, jeder kennt jeden, der Zusammenhalt ist stark ausgeprägt. Aber auch die Hierarchie. Es gibt den Anführer, immer ein starkes, erfahrenes Männchen, der über die Ordnung bestimmt, über die Fortpflanzung, über die Nahrungsbeschaffung und-verteilung. Alle anderen erwachsenen Männchen sind ihm unterstellt und agieren nicht selten wie seine Soldaten, wenn es darum geht, riskante Unternehmungen durchzuführen oder die Gruppe gegen Feinde zu verteidigen, z.B. andere Paviangruppen. Die Hierarchie innerhalb der Gruppe wird mit einer Brutalität durchgesetzt, die für Affen ohne Beispiel ist. Verstöße ziehen harte Strafen nach sich, Aufstiegskämpfe können tödlich enden. Männchen, die stark genug wären, eine eigene Gruppe zu führen, aber gegen den Anführer nicht ankommen, verlassen die Gruppe besser und gründen irgendwo eine neue. Die Weibchen beteiligen sich an diesen Kämpfen nicht, sie kümmern sich mit sprichwörtlicher Affenliebe um den Nachwuchs, den Anführer und irgendwann auch um die anderen Männchen. Und auch wenn uns die gerade gegebene Beschreibung des Soziallebens der Paviane irgendwie an uns erinnern mag – schließlich sind auch wir Primaten – landen Menschen, die sich heutzutage so verhalten, in der Regel im Gefängnis. Was Paviane angeht, dachte man jedoch, so sind sie eben, das ist ihr angeborenes Verhalten.

Das Experiment

Eins der berühmtesten Experimente zum Verhalten des Menschen war tatsächlich in einer Art Gefängnis durchgeführt worden: Forscher der Stanford-Universität ließen im Jahr 1971 Studenten im Keller des Instituts eine Gefängnissituation nachbilden, eine Gruppe der jungen Männer übernahm die Aufgabe der Aufseher, eine andere die der Insassen. Unter Beobachtung begannen nun normale Studenten, zu brutalen Sadisten zu werden, ihr „Experiment“ belegte die angeborene Gewalttätigkeit des Menschen und wurde sogar mehrfach sehr spektakulär verfilmt. Der Haken an der Sache: Es war Betrug. Ein britisches Forscherteam, welches das Experiment wiederholen und verifizieren wollte, wie es in der Wissenschaft üblich ist, konnte den erschreckenden Effekt nicht nachvollziehen. Ihre Studenten benahmen sich einfach nicht rücksichtslos oder gar brutal. Die Wissenschaftler fragten sich, ob sie in der Versuchsanordnung etwas übersehen, etwas falsch gemacht hatten, und studierten das Material der amerikanischen Vorbilder. Dabei hörten sie auch Tonbandaufzeichnungen von geheimen Teamsitzungen an und stießen auf den „Fehler“: Die Amerikaner hatten den Studenten nicht freie Hand gelassen, sie hatten die „Wärter“ zu grausamem Verhalten gedrängt und dies als notwendig für den Erfolg des Experiments dargestellt. Mit anderen Worten: Sie hatten manipuliert und die Öffentlichkeit getäuscht. Der weltberühmte und bis heute gern zitierte „Beweis“ für den angeborenen und jederzeit aktivierbaren Hang zur Grausamkeit beim Menschen ist eine Lüge.

Make Love …

Zurück zu den Affen: In den 80er Jahren beobachteten Forscher in Kenia eine Pavian-Gruppe. Diese Gruppe lebte von anderen Pavianen isoliert und verhielt sich so, wie Paviane sich eben verhalten: brutal hierarchisch, patriarchal-dominant und immer wieder gewalttätig gegen Gruppenmitglieder bei Rang- und Brunstkämpfen. Dann entdecken einige der Paviane eine entfernter liegende Müllkippe als lohnende Nahrungsquelle. Aber der Weg dahin war riskant. Nur die kämpferischen, dominanten Männchen und die, die es werden wollten, machten sich deshalb dorthin auf den Weg. Auf der Müllhalde infizierten sie sich mit einer Krankheit und starben ALLE. Auf einen Schlag gab es in der Gruppe nur noch Weibchen und nicht-dominante Männchen, vor allem Jungtiere. Das Verhalten der verbliebenen Gruppe entsprach nun natürlich nicht mehr dem gewohnten Bild, der Umgang der Paviane untereinander wurde von den Weibchen bestimmt – kooperativer, zugewandter, friedfertiger (sie waren eben anders „geprägt“). Die Forscher zogen ab, weil sie die Gruppe als geschädigt betrachteten, nicht mehr Pavian-typisch. Zehn Jahre später besuchten sie die Gruppe wieder, um zu sehen, ob sie sich regeneriert hatte, und siehe da: Die Paviane übten noch immer einen ausgesprochen friedfertigen Umgang miteinander, obwohl die meisten Tiere von damals längst gestorben oder Männchen abgewandert und durch jüngere ersetzt waren. Sie benahmen sich einfach nicht rücksichtslos oder brutal, selbst die erwachsenen, starken Männchen. Was das bedeutete? Die Gewalt im Umgang mit ihresgleichen lag selbst Pavianen nicht „in den Genen“. Sie waren offensichtlich nur von Gewalt geprägt gewesen, welche sie früher, jahrtausendelang, gelebt und tradiert hatten.

Was heißt dies nun? Dass ein Habicht keine Mäuse töten muss? Dass ein Hai eigentlich ein harmloser Schmusebär ist? Sicher nicht. Aber für unser Selbstverständnis als Homo sapiens ist all dies durchaus von Bedeutung. Gewalttätigkeit, selbst die, die wir für Primaten als biologisch gegeben betrachten, ist kein unveränderbares genetisches Programm. Wäre es das, hätten die jungen, männlichen Paviane das gewalttätige Verhalten ihrer Väter entwickelt und durchgesetzt, sie hätten gar nicht anders gekonnt. Doch so war es nicht.

12000 Jahre Gewalt

In einem Interwiew zur gerade erschienenen Neuausgabe seiner „Männerphantasien“ hat Klaus Theweleit seine durchaus bekannte These zur Gewalt in Politik und Gesellschaft bekräftigt: „Nein, das kommt überhaupt nicht von der Biologie, sondern das ist gesellschaftlich so entstanden. Männer tragen in unserer Kultur eine 12000 Jahre alte Gewalt- und Kriegsgeschichte im Körper, die ihnen eine Dominanz verleiht und in unseren Gesellschaften gepflegt und gefördert wird.“ „Gepflegt und gefördert“ wird ein dominanter, gewaltbereiter Mann, ein Krieger, und sogar manche äußerst langlebige Philosophie ist im Laufe der Menschheitsgeschichte aus diesem Wunschbild/dieser Neurose gebaut worden. Mit Blick auf die Paviane bekommt die These nun eine sehr plausible und über den Menschen hinausgehende Dimension. Ist Gewalt also, auch wenn man sich gegen das Wort in diesem Zusammenhang wehrt, eine Frage der Kultur? So scheint es. Doch Tradition, gewohntes Verhalten, wird nicht nur erlernt und auf diesem Wege von Generation zu Generation weitergegeben, sei es über das Vorbild, sei es über die Neurose. Es gibt einen Weg der „Vererbung“, der nicht im Genom eingeschrieben ist und dennoch untrennbar mit ihm zusammenhängt. Es ist die sogenannte epigenetische Vererbung. Gene an sich sind kaum wirksam, sie müssen „aktiviert“ sein. Es gibt, vermutlich für alle Gene, sogenannte Schalter, die sie im Verlauf der Embrionalentwicklung und im ganzen weiteren Leben aktivieren oder deaktivieren. Aggression im menschlichen Verhalten hängt z.B. stark mit der Stressverarbeitung zusammen, welche von Hormonen beeinfusst wird. Aggressive Menschen weisen andere Hormonwerte im Blut auf als nicht aggressive. Nun kann niemand seine Hormonproduktion direkt steuern, sie wird, als Reaktion auf die Umwelt, über Gene gesteuert, die aktiviert oder deaktiviert sind. Die Neigung zu Gewalt im weitesten Sinne kann also epigenetisch aktiviert und, das ist der springende Punkt, vererbt werden. Aber nur solange, bis sie nicht mehr aktiviert wird. Dann vererbt sie sich nicht mehr, wie man an den Pavianen eindrucksvoll sehen konnte.

Eine Generation Paviane

Gewalterfahrungen schädigen das Gehirn und die Psyche. Nun gesellt sich eine weitere Spur – oder Ursache – von Gewalt dazu. Die Frist von mehreren Generationen, die eine Gesellschaft nach kollektiven Gewalterfahrungen wie Kriegen und Bürgerkriegen benötigt, um die Schäden wieder aus sich heraus zu bekommen, hängt ziemlich sicher auch mit den epigenetischen Veränderungen zusammen, welche solche „gewaltigen“ Ereignisse nach sich ziehen, und die an spätere Generationen weitergegeben werden, bis die Gewalt insgesamt zurückgeht. Traditionelle, akzeptierte Gewalt wie die gewalttätige Erziehungsweise der vergangenen Jahrhunderte in vielen Gesellschaften, der „12000 Jahre“, von denen Theweleit spricht, aktiviert die entsprechenden Funktionen immer wieder aufs Neue. Doch dass selbst hunderte oder tausende auf Gewalttätigkeit geprägte Generationen kein endgültiges Schicksal darstellen, zeigen uns die Paviane, unsere Nachbar-Altweltaffen.

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