Für Klaus T.

November 2019: Theweleits „Männerphantasien“ erscheinen derzeit in Neuausgabe. Ich erfuhr davon über ein Interview, während ich an der obigen Grafik arbeitete, und es gab den Ausschlag zur Endfassung meiner Arbeit. Sie greift Kampfrufe deutscher und US-amerikanischer Neonazis auf. Ich bitte jeden: Lesen Sie „Männerphantasien“!

Wir müssen reden. Europa

DSCF5573Seit den türkischen Parlamentswahlen, deren Ausgang Präsident Erdogan nur als Demütigung und Gefährdung seiner Machtansprüche auffassen konnte, habe ich mich gefragt, wie er darauf reagieren würde. Dass er eine Beschneidung oder gar den Verlust seiner immer autoritärer gewordenen Herrschaftsausübung nicht hinnehmen würde wie ein demokratisches Staatsoberhaupt es tun sollte, schien vollkommen klar. Doch die Niederlage kam für ihn so überraschend, dass er Zeit brauchte, eine Strategie zu entwickeln, denn er hatte wohl keinen fertigen Plan in der Schublade. Nun ist jedoch offensichtlich, zu welchen Schlüssen er gekommen ist. Er erklärt die Rechte und die demokratische Teilhabe des kurdischen Teils seines Staatsvolkes für entbehrlich, indem er den Friedensprozess beendet und die PKK wieder beschießt, statt mit ihr zu verhandeln, indem er sie und nicht den IS zum Staatsfeind Nr. 1 erklärt. Das also ist seine Antwort auf die Gefährdung seiner Macht und der Macht seiner Partei in der Türkei, auf das Votum seines Volkes, welches mit seiner immer weiter vorangetriebenen Anhäufung von Macht und ihrer immer kompromissloseren Durchsetzung nicht mehr einverstanden war. Für Erdogan gibt es scheinbar nur Freunde oder Feinde. Demokratischer Kompromiss und Auseinandersetzung scheint ihm zuwider, sein mörderischer Armeeeinsatz, der die Türen zum Dialog für lange Zeit verschließen wird, ist eindeutig. Weiterlesen

Was Mörder macht

Sowjetrussischer Serienmörder und Islamischer Staat, Anders Breivik und Hitlers willige Vollstrecker – Citizen X und Das Lachen der Täter DSCF2881 Der wohl schmerzhafteste Moment dieses Films ereignet sich, als er beinahe zu Ende ist. Es ist zugleich sein schönster und erschreckendster Moment. Und vermutlich einer der erhellendsten in der Filmgeschichte, wenn es um die Kräfte geht, die aus Menschen Mörder machen oder eben nicht.

In dem US-amerikanischen TV-Spielfilm „Citizen X“ von 1995 geht es um den authentischen Fall des Serienmörders Chikatilo, der von den siebziger bis neunziger Jahren in der damals sowjetrussischen Stadt Rostow über fünfzig Minderjährige bestialisch missbraucht und ermordet hat. Nach quälend langwierigen und erfolglosen Ermittlungen des mit der Tätersuche betrauten Gerichtsmediziners, die erst vorangekommen sind, nachdem Gorbatschows Perestroika die kommunistischen Seilschaften der Stadt und des Oblast größtenteils weggefegt hat, sitzt der Täter in der Verhörzelle und will weder reden noch gestehen. Was die Zuschauer des Films bis zu diesem Punkt miterleben mussten, ließ ihnen mehr als einmal die Haare zu Berge stehen. Nicht nur, weil sie Zeuge mehrerer dieser Morde wurden, sondern auch Zeuge der Halsstarrigkeit, mit der die Parteifunktionäre die Ermittlungen über mehr als zehn Jahre hinweg knebeln, instrumentalisieren, beeinflussen, ja verhindern, nur damit nicht publik wird, dass es in der Sowjetunion, genau wie im „dekadenten Westen“, Serienmörder gibt. Nicht wenige Kinder verloren auch deshalb ihr Leben, der Ermittler erlitt mehrere Nervenzusammenbrüche, ein leichtfertig Verhafteter erhängte sich in seiner Zelle. Kurz vor Schluss nun ist der mutmaßliche Täter gefasst und soll gestehen, weil man ihm die Verbrechen nicht nachweisen kann. Doch er schweigt oder weicht dem hilflosen Druck des Parteikommissars aus, indem er über Banalitäten redet. Weiterlesen