The Shining – revisited

Als im Herbst 1980 aus den deutschen Radios eine Stimme verkündete: „Die Woge des Schreckens, die Amerika überflutete, ist auch bei uns angekommen!“, zog es uns ins Kino, damit wir den Sensationsfilm selbst erleben konnten. Shining war meine erste Begegnung mit Stephen King und mit dem Kino von Stanley Kubrick. Ich war gerade 16 geworden, als ich in Erwartung großen Horrors im Klappsitz Platz nahm. Doch der Horror stellte sich nicht ein, der Film ließ mich merkwürdig kalt. Andere Besucher zitterten noch, als sie längst wieder auf dem Heimweg waren. Ich verstand nicht, was sie so erschüttert hatte. Vielleicht verstehe ich es heute noch nicht, doch warum mich die Woge des Schreckens damals nicht überflutete, das weiß ich jetzt. Denn ich habe mir den Film nun noch einmal angesehen.

Weiterlesen

Raum, den wir haben

„In Zeiten der Finsternis“, Konzert und Lesung bei „Kunst & Diskurs“ am 31. Juli 2022 in Lübars

Taras Schewtschenko, Kateryna Olia; 1842

Am Sonntag Nachmittag kam der Krieg ins idyllische Lübars. Aber nein. Er war ja schon längst da. Seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine ist er allgegenwärtig, in den Medien, in den Häusern, in den Köpfen. Gestern übernahmen wir nur ein wenig mehr die Initiative, indem wir uns die „Zeiten der Finsternis“ etwas genauer anschauten, genauer – und allgemeiner zugleich. Denn vom Ukrainekrieg dieser Tage wussten weder die Komponisten der Klavierstücke, die zu hören waren, noch ich, als ich vor rund zehn Jahren „Salvatore“ schrieb. Den Krieg aber kannten wir alle, die sich um den Konzertflügel versammelt hatten, natürlich auf die eine oder andere Weise, wohl nicht als Teilnehmende, aber als Betroffene, wie auch immer. Die Reihe „Kunst und Diskurs“ von Annette Weweler belässt es dankenswerterweise nicht beim „Kunstgenuss“, sondern lädt anschließend zur Diskussion. Natalia Nikolaeva, die eine erstaunliche Auswahl von Klavierstücken präsentierte – und ebenso erstaunlich spielte – und ich mit den fünf „Soldatenkapiteln“ aus dem Salvatore-Roman mussten uns nach der Konzert-Lesung erst mal sammeln und Luft schöpfen, aber die Zuhörenden waren, wie wir dann bemerkten, kaum weniger mitgenommen. Das Thema, der Blick in finstere Abgründe, die jeder Krieg mit sich bringt, hatte alle angefasst, die zur Diskussion geblieben waren.

Weiterlesen

Von Schwarzkopf

Mein Beitrag zum 13. Jubiläum der Lesebühne „So noch nie“ als einer von 13 Themenbeauftragten zum Thema „öfter und länger kommen“

“Ich sollte öfter und länger kommen”, dachte er und musste grinsen. “Das klang jetzt anders, als es gemeint war”, dachte er und nahm das Regal mit Haarpflegeprodukten wahr, das sich vor ihm zwei Meter in die Höhe und jeweils drei bis vier Meter zu jeder Seite aufbaute. Wie war er hierher gekommen? Typisch Feierabendmüdigkeit. “Nicht öfter”, dachte er, “aber ab und zu mal länger bleiben. Zeit nehmen. Nicht nur reinhetzen, zugreifen, zahlen und raus. “Sonst hätte ich das bestimmt gar nicht gesehen.” Er hielt eine kleine Schachtel in der Hand. “Schauma festes Shampoo.” Zwischen den vier oder fünf festen Öko-Produkten, die ihrerseits zwischen den zahllosen flüssigen Markenshampoos, -spülungen und so weiter ein Schattendasein fristeten, war ihm der Name “Schauma” ins Auge gestochen.

Weiterlesen

Was weiß ich!

Zuerst speichern Sie bitte Folgendes ab: Dies ist ein Essay. Ich hatte überlegt, den Text „wilde Spekulation“ zu taggen, aber „Essay“ klingt viel glaubwürdiger. Jetzt kann es losgehen:

„Niemand würde am Ende des neunzehnten Jahrhunderts geglaubt haben, dass diese Welt aufmerksam und sehr genau beobachtet wurde von Intelligenzen größer als die des Menschen und doch so sterblich wie er selbst; dass die Menschen untersucht und dabei studiert wurden, wie sie ihren alltäglichen Angelegenheiten nachgingen, ähnlich penibel wie wir die kurzlebigen Organismen, die in einem Wassertropfen umherschwirren und sich vermehren, mit einem Mikroskop studieren.“

So beginnt „Der Krieg der Welten“ von H. G. Wells. Und schon in diesem kurzen Absatz ist fast alles enthalten, womit sich der folgende Text befassen soll: Glauben, Wissen, Neugier, Angst. Fehlt noch: Gesellschaft. Aber ganz fehlt sie hier auch nicht. Zum Beispiel ging gerade „Der Krieg der Welten“ in die Geschichte ein, indem Orson Welles ein Hörspiel daraus machte, als praktisch jeder in den USA ein Radio und noch niemand ein Fernsehgerät hatte. Sein origineller und eindringlicher Umgang mit dem Stoff und mit dem Medium – er inszenierte die Geschichte im Radio als Radio-Live-Reportage mit allen wiedererkennbaren Merkmalen des bis dahin einzigen Echtzeit-Massenmediums – führte dazu, dass viele Zuhörer tatsächlich glaubten, Marsianer griffen die Erde an, jetzt, genau in diesem Moment, wo sie in ihrer Guten Stube mit der Familie vor dem Gerät saßen, und ihr letztes Stündlein habe geschlagen. Sie waren so überzeugt von der gekonnten Inszenierung, dass manche von ihnen bewaffnete Trupps bildeten und in die Nacht hinaus zogen, um gegen mordende Marsmenschen zu kämpfen.

Weiterlesen

Ein Wiedersehen im Saarland

Ende Oktober durfte ich auf Einladung der wunderbaren Lebacher Buchhandlung Anne Treib Buch & Papier bei der Woche der unabhängigen Buchhandlungen meinen Saarland-Roman „Das Wunder von Runxendorf“ vorstellen. Es war ein sehr besonderer Abend, denn es war meine erste Lesung im Saarland überhaupt (sieht man von zwei Lesungen auf „saarländischem Hoheitsgebiet“ in der Berliner Landesvertretung ab), und ausgerechnet die bittere Betrachtung des Dorflebens in den Siebzigern lag nun auf dem Tisch. Im Publikum, wie zu erwarten, viele alte Bekannte, alte Freund*innen, Schulkamerad*innen, die ich seit mehreren Jahrzehnten nicht mehr gesehen hatte (und eine große, schöne Überraschung, mein verehrter Deutschlehrer vom Lebacher Gymnasium JKG). Wegen der besonderen Situation hatte ich schon im Vorfeld ein paar erklärende Worte aufgeschrieben, die ich nun vorausschickte. Ich gebe sie hier wieder:

Weiterlesen

Mein Werwolf. Lesen einer Fährte

Ein Essay über Angst, Männer und die zerstörerische Kraft des Verschweigens

Dies ist ein recht langer Essay. Ich empfehle, möglichst die „Leseansicht“ Ihres Browsers zu verwenden.

Ein US-Straßenkreuzer fährt nachts eine Tankstelle an. Während sich das schaukelnde 70er-Jahre-Ungetüm der Zapfsäule nähert, wird auf dem Dach der Limousine kauernd eine Gestalt erkennbar. Es ist ein Wesen mit menschlichem Körper in einem Smoking, aber mit behaarten Füßen, Klauen und einem gänzlich behaarten Wolfsgesicht mit mörderischen Fangzähnen. Es wartet ab, bis die Fahrerin des Wagens aussteigt und stürzt sich dann, als sie es bemerkt und schreiend im Tankwarthäuschen Schutz suchen will, auf sie. Schnitt.

Der Film „Der Werwolf von Washington“ von 1973 wurde am 4. Mai 1977 im Deutschen Fernsehen im Spätprogramm gesendet und ist ein eher untypisches Beispiel für das kritische, politische, junge US-Kino der damaligen Epoche. Und er machte mir, dem es irgendwie passiert war, viel zu spät in genau dieser Mittwochnacht vor dem einzigen Fernsehgerät im Haus zu sitzen, ein unbeabsichtigtes Geschenk. Er schenkte mir die Angstfigur, die augenblicklich alle bisherigen aus meiner Psyche verjagte und für die nächsten fast dreißig Jahre die Herrschaft über meine Amygdala, mein neuronales Angstzentrum, übernahm und weit, sehr weit darüber hinaus.

Weiterlesen

Rorschach über dem Altar

Die Richter-Fenster in der Abteikirche Tholey

In seiner Dorfkirche gab es zwei Beichtstühle, erzählt mir mein alter Freund, als ich ihn im Saarland vor meiner Lesung aus „Runxendorf“ besuche. Einen, in dem der „Pastor“ die Beichte abnimmt, und einen, in dem das der „Pater“ erledigt. Der Unterschied zwischen beiden Beichtstühlen war gravierend. Kommt ein Pater nur als „auswärtiger Dienstleister“ vorbei, verrichtet seinen Dienst und reist dann wieder ab, so lebt der Herr Pastor zusammen mit seinen „Schafen“ im Dorf. Für viele war daher der Gedanke unerträglich, ihm, der höchsten moralischen Autorität des Dorfes, immer wieder begegnen zu müssen im Wissen, dass er über alle begangenen „Sünden“ Bescheid weiß, jeden unerlaubten Gedanken, jeden Fehltritt, jeden Seitensprung. Ein echtes Dilemma. Für eben diese Gläubigen war der zweite Beichtstuhl gedacht. Denn ohne diesen würden viele ihre schlimmsten „Sünden“ einfach nicht offenbaren und ohne den Segen, ohne göttliche Vergebung weiterleben müssen. Was in einer Kirche ausgesprochen wird und was nicht, ist also von erheblicher, auch religiöser Bedeutung, und es existiert in (mindestens) zwei getrennten Sphären gleichzeitig.

Weiterlesen

Tales from the Loop – Das Wunder liegt überall herum

Nach erst vier geschauten Episoden eine Serie empfehlen? Unbedingt! (Mittlerweile sind alle 8 geschaut, der Artikel aktualisiert.) Jede einzelne der Folgen lohnt das Anschauen. Natürlich erzählen die Episoden neben ihren jeweiligen Geschichten auch eine zusammenhängende, größere, mehrere davon. Doch haben sie alle ein eigenes Thema, das sie auf einzigartige Weise behandeln. Doch von Anfang an:

„Tales from the Loop“ auf amazon prime basiert auf dem gleichnamigen Bild-Roman von Simon Stålenhag. Die Bilder der Verfilmung orientieren sich stark an Motiven und Grundideen in den Gemälden. Zumindest in den ersten vier Episoden – es gibt keinen Grund, dass sich das ändert – sind alle Farben in diesem gleichmütigen, schweigsamen „Heureka“ gedeckt, es gibt viel Dunkel, und Helligkeit ist nicht wirklich hell. Das wirklich Auffällige an diesem abgelegenen Wissenschafts-Städtchen mit 50er- bis 80er-Jahre-Look aber: Überall liegen und stehen aufgegebene oder in Betrieb befindliche Anlagen oder Geräte herum, die aussehen wie Star-Wars-Müll. Wozu sie gut sind oder waren, bleibt meist ein Geheimnis, doch selbst scheinbar komplett ausgeschlachtete Wracks oder abgenutzte, weggeworfene Handgeräte entfalten erstaunliche – magische – Wirkung.

Weiterlesen