Ein Wiedersehen im Saarland

Ende Oktober durfte ich auf Einladung der wunderbaren Lebacher Buchhandlung Anne Treib Buch & Papier bei der Woche der unabhängigen Buchhandlungen meinen Saarland-Roman „Das Wunder von Runxendorf“ vorstellen. Es war ein sehr besonderer Abend, denn es war meine erste Lesung im Saarland überhaupt (sieht man von zwei Lesungen auf „saarländischem Hoheitsgebiet“ in der Berliner Landesvertretung ab), und ausgerechnet die bittere Betrachtung des Dorflebens in den Siebzigern lag nun auf dem Tisch. Im Publikum, wie zu erwarten, viele alte Bekannte, alte Freund*innen, Schulkamerad*innen, die ich seit mehreren Jahrzehnten nicht mehr gesehen hatte (und eine große, schöne Überraschung, mein verehrter Deutschlehrer vom Lebacher Gymnasium JKG). Wegen der besonderen Situation hatte ich schon im Vorfeld ein paar erklärende Worte aufgeschrieben, die ich nun vorausschickte. Ich gebe sie hier wieder:

Weiterlesen

Mein Werwolf. Lesen einer Fährte

Ein Essay über Angst, Männer und die zerstörerische Kraft des Verschweigens.

Dies ist ein recht langer Essay. Ich empfehle, möglichst die „Leseansicht“ Ihres Browsers zu verwenden.

Ein US-Straßenkreuzer fährt nachts eine Tankstelle an. Während sich das schaukelnde 70er-Jahre-Ungetüm der Zapfsäule nähert, wird auf dem Dach der Limousine kauernd eine Gestalt erkennbar. Es ist ein Wesen mit menschlichem Körper in einem Smoking, aber mit behaarten Füßen, Klauen und einem gänzlich behaarten Wolfsgesicht mit mörderischen Fangzähnen. Es wartet ab, bis die Fahrerin des Wagens aussteigt und stürzt sich dann, als sie es bemerkt und schreiend im Tankwarthäuschen Schutz suchen will, auf sie. Schnitt.

Der Film „Der Werwolf von Washington“ von 1973 wurde am 4. Mai 1977 im Deutschen Fernsehen im Spätprogramm gesendet und ist ein eher untypisches Beispiel für das kritische, politische, junge US-Kino der damaligen Epoche. Und er machte mir, dem es irgendwie passiert war, viel zu spät in genau dieser Mittwochnacht vor dem einzigen Fernsehgerät im Haus zu sitzen, ein unbeabsichtigtes Geschenk. Er schenkte mir die Angstfigur, die augenblicklich alle bisherigen aus meiner Psyche verjagte und für die nächsten fast dreißig Jahre die Herrschaft über meine Amygdala, mein neuronales Angstzentrum, übernahm und weit, sehr weit darüber hinaus.

Weiterlesen

Rorschach über dem Altar

Die Richter-Fenster in der Abteikirche Tholey

In seiner Dorfkirche gab es zwei Beichtstühle, erzählt mir mein alter Freund, als ich ihn im Saarland vor meiner Lesung aus „Runxendorf“ besuche. Einen, in dem der „Pastor“ die Beichte abnimmt, und einen, in dem das der „Pater“ erledigt. Der Unterschied zwischen beiden Beichtstühlen war gravierend. Kommt ein Pater nur als „auswärtiger Dienstleister“ vorbei, verrichtet seinen Dienst und reist dann wieder ab, so lebt der Herr Pastor zusammen mit seinen „Schafen“ im Dorf. Für viele war daher der Gedanke unerträglich, ihm, der höchsten moralischen Autorität des Dorfes, immer wieder begegnen zu müssen im Wissen, dass er über alle begangenen „Sünden“ Bescheid weiß, jeden unerlaubten Gedanken, jeden Fehltritt, jeden Seitensprung. Ein echtes Dilemma. Für eben diese Gläubigen war der zweite Beichtstuhl gedacht. Denn ohne diesen würden viele ihre schlimmsten „Sünden“ einfach nicht offenbaren und ohne den Segen, ohne göttliche Vergebung weiterleben müssen. Was in einer Kirche ausgesprochen wird und was nicht, ist also von erheblicher, auch religiöser Bedeutung, und es existiert in (mindestens) zwei getrennten Sphären gleichzeitig.

Weiterlesen

Tales from the Loop – Das Wunder liegt überall herum

Nach erst vier geschauten Episoden eine Serie empfehlen? Unbedingt! (Mittlerweile sind alle 8 geschaut, der Artikel aktualisiert.) Jede einzelne der Folgen lohnt das Anschauen. Natürlich erzählen die Episoden neben ihren jeweiligen Geschichten auch eine zusammenhängende, größere, mehrere davon. Doch haben sie alle ein eigenes Thema, das sie auf einzigartige Weise behandeln. Doch von Anfang an:

„Tales from the Loop“ auf amazon prime basiert auf dem gleichnamigen Bild-Roman von Simon Stålenhag. Die Bilder der Verfilmung orientieren sich stark an Motiven und Grundideen in den Gemälden. Zumindest in den ersten vier Episoden – es gibt keinen Grund, dass sich das ändert – sind alle Farben in diesem gleichmütigen, schweigsamen „Heureka“ gedeckt, es gibt viel Dunkel, und Helligkeit ist nicht wirklich hell. Das wirklich Auffällige an diesem abgelegenen Wissenschafts-Städtchen mit 50er- bis 80er-Jahre-Look aber: Überall liegen und stehen aufgegebene oder in Betrieb befindliche Anlagen oder Geräte herum, die aussehen wie Star-Wars-Müll. Wozu sie gut sind oder waren, bleibt meist ein Geheimnis, doch selbst scheinbar komplett ausgeschlachtete Wracks oder abgenutzte, weggeworfene Handgeräte entfalten erstaunliche – magische – Wirkung.

Weiterlesen

Mittelalter! Im Ernst?

Pandemie. Nicht mehr auszuhalten! Schon lange! Und dieselben Fehler werden immer wieder gemacht! Dabei gibt es Lösungen! Sagen wir, die es nicht mehr aushalten, dass sie tatsächlich immer noch nicht vorbei ist.

Während ich dies schreibe, läuft in einem separierten, immer sichtbaren extra Fensterchen meines Browsers (smart, Firefox!) die Startvorbereitung der Falcon 9 und der vier Astronaut*innen auf der spaceX-Rampe im live-stream. SpaceX, eines dieser disruptiven Technologieunternehmen, die uns immer wieder zeigen, dass unmöglich (oder gar nicht) geglaubte Dinge möglich sind, wenn man sie nur auf smarte Art angeht. Wenn irgendwas sich (wieder) in unser Bewusstsein im 21. Jahrhundert eingegraben hat, dann ist es dieses Verständnis von Fortschritt. Und als Gegenpol spätestens seit dem 11. September am Beginn desselben Jahrtausends das mittelalterliche Denken der Fundamentalisten.

Mittelalterlicher Alexanderplatz
Weiterlesen

Die Party ist vorbei

So wie es bei den Bedingungen öffentlicher und politischer Debatten ein „vor Social Media“ und ein „seitdem“ gab, gibt es nun in Bezug auf die sozialen Netzwerke ein „vor dem Sturm aufs Capitol“ und ein danach.

Der Sturm von monate- ja jahrelang mit pausen- und zügelloser Propaganda aufgepeitschter Trump-Anhänger auf das Capitol in Washington am vergangenen Mittwoch ist ein Wendepunkt mit tiefgreifenden Konsequenzen. Unübersehbar trat nun zutage, dass der öffentliche Diskurs entgleist ist wie ein Hochgeschwindigkeitszug bei voller Fahrt. Und es trat auch für die letzten Beobachter sichtbar zutage, dass dies an den Umständen des Diskurses liegt, die durch die sozialen Netzwerke in die Welt gekommen sind.

Weiterlesen

Für Klaus T.

November 2019: Theweleits „Männerphantasien“ erscheinen derzeit in Neuausgabe. Ich erfuhr davon über ein Interview, während ich an der obigen Grafik arbeitete, und es gab den Ausschlag zur Endfassung meiner Arbeit. Sie greift Kampfrufe deutscher und US-amerikanischer Neonazis auf. Ich bitte jeden: Lesen Sie „Männerphantasien“!

Ins Wasser, tief

„Mindhunter“, „Manhunt: Unabomber“. Zwei Serien auf Netflix in der Tradition des Schillerschen Theaters.

Zwei verschiedene Streaming-Serien auf derselben Plattform, die fast denselben Titel tragen – das ist auffällig. Doch beide befassen sich mit demselben Teilbereich polizeilicher Ermittlungsarbeit, dem Profiling. „Mindhunter“ erzählt die „Erfindung“ des wissenschaftlichen FBI-Profilings bei Serienmördern ab den frühen Siebziger Jahren, „Manhunt: Unabomber“ die des linguistischen Profilings im Zuge der Suche nach dem „Unabomber“ Ted Kaczinski in den frühen Neunzigern. Beide stützen sich also auf tatsächliche Begebenheiten, beide erzählen über zehn bzw. acht Folgen hinweg eine zusammenhängende Geschichte. Beide befassen sich mit Menschen, die versuchen, ein tieferes Verständnis des Verbrechens bzw. Verbrechers zu erlangen, als es bis zu diesem Zeitpunkt vorhanden war. Auffällig ist auch, dass die Ermittler in beiden Serien gegen große Widerstände zu kämpfen haben – Widerstände ihrer Kollegen und Vorgesetzten, der ganzen Behörde und auch innere Widerstände in sich selbst. Neue Erkenntnisse, zumal wenn sie das Selbstverständnis des Menschen betreffen, hatten es nie leicht, anerkannt zu werden. Und damit ist es heraus: Es geht um das Selbstverständnis des Menschen. Weiterlesen