Tales from the Loop – Das Wunder liegt überall herum

Nach erst vier geschauten Episoden eine Serie empfehlen? Unbedingt! (Mittlerweile sind alle 8 geschaut, der Artikel aktualisiert.) Jede einzelne der Folgen lohnt das Anschauen. Natürlich erzählen die Episoden neben ihren jeweiligen Geschichten auch eine zusammenhängende, größere, mehrere davon. Doch haben sie alle ein eigenes Thema, das sie auf einzigartige Weise behandeln. Doch von Anfang an:

„Tales from the Loop“ auf amazon prime basiert auf dem gleichnamigen Bild-Roman von Simon Stålenhag. Die Bilder der Verfilmung orientieren sich stark an Motiven und Grundideen in den Gemälden. Zumindest in den ersten vier Episoden – es gibt keinen Grund, dass sich das ändert – sind alle Farben in diesem gleichmütigen, schweigsamen „Heureka“ gedeckt, es gibt viel Dunkel, und Helligkeit ist nicht wirklich hell. Das wirklich Auffällige an diesem abgelegenen Wissenschafts-Städtchen mit 50er- bis 80er-Jahre-Look aber: Überall liegen und stehen aufgegebene oder in Betrieb befindliche Anlagen oder Geräte herum, die aussehen wie Star-Wars-Müll. Wozu sie gut sind oder waren, bleibt meist ein Geheimnis, doch selbst scheinbar komplett ausgeschlachtete Wracks oder abgenutzte, weggeworfene Handgeräte entfalten erstaunliche – magische – Wirkung.

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Mittelalter! Im Ernst?

Pandemie. Nicht mehr auszuhalten! Schon lange! Und dieselben Fehler werden immer wieder gemacht! Dabei gibt es Lösungen! Sagen wir, die es nicht mehr aushalten, dass sie tatsächlich immer noch nicht vorbei ist.

Während ich dies schreibe, läuft in einem separierten, immer sichtbaren extra Fensterchen meines Browsers (smart, Firefox!) die Startvorbereitung der Falcon 9 und der vier Astronaut*innen auf der spaceX-Rampe im live-stream. SpaceX, eines dieser disruptiven Technologieunternehmen, die uns immer wieder zeigen, dass unmöglich (oder gar nicht) geglaubte Dinge möglich sind, wenn man sie nur auf smarte Art angeht. Wenn irgendwas sich (wieder) in unser Bewusstsein im 21. Jahrhundert eingegraben hat, dann ist es dieses Verständnis von Fortschritt. Und als Gegenpol spätestens seit dem 11. September am Beginn desselben Jahrtausends das mittelalterliche Denken der Fundamentalisten.

Mittelalterlicher Alexanderplatz
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Die Party ist vorbei

So wie es bei den Bedingungen öffentlicher und politischer Debatten ein „vor Social Media“ und ein „seitdem“ gab, gibt es nun in Bezug auf die sozialen Netzwerke ein „vor dem Sturm aufs Capitol“ und ein danach.

Der Sturm von monate- ja jahrelang mit pausen- und zügelloser Propaganda aufgepeitschter Trump-Anhänger auf das Capitol in Washington am vergangenen Mittwoch ist ein Wendepunkt mit tiefgreifenden Konsequenzen. Unübersehbar trat nun zutage, dass der öffentliche Diskurs entgleist ist wie ein Hochgeschwindigkeitszug bei voller Fahrt. Und es trat auch für die letzten Beobachter sichtbar zutage, dass dies an den Umständen des Diskurses liegt, die durch die sozialen Netzwerke in die Welt gekommen sind.

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Für Klaus T.

November 2019: Theweleits „Männerphantasien“ erscheinen derzeit in Neuausgabe. Ich erfuhr davon über ein Interview, während ich an der obigen Grafik arbeitete, und es gab den Ausschlag zur Endfassung meiner Arbeit. Sie greift Kampfrufe deutscher und US-amerikanischer Neonazis auf. Ich bitte jeden: Lesen Sie „Männerphantasien“!

Ins Wasser, tief

„Mindhunter“, „Manhunt: Unabomber“. Zwei Serien auf Netflix in der Tradition des Schillerschen Theaters.

Zwei verschiedene Streaming-Serien auf derselben Plattform, die fast denselben Titel tragen – das ist auffällig. Doch beide befassen sich mit demselben Teilbereich polizeilicher Ermittlungsarbeit, dem Profiling. „Mindhunter“ erzählt die „Erfindung“ des wissenschaftlichen FBI-Profilings bei Serienmördern ab den frühen Siebziger Jahren, „Manhunt: Unabomber“ die des linguistischen Profilings im Zuge der Suche nach dem „Unabomber“ Ted Kaczinski in den frühen Neunzigern. Beide stützen sich also auf tatsächliche Begebenheiten, beide erzählen über zehn bzw. acht Folgen hinweg eine zusammenhängende Geschichte. Beide befassen sich mit Menschen, die versuchen, ein tieferes Verständnis des Verbrechens bzw. Verbrechers zu erlangen, als es bis zu diesem Zeitpunkt vorhanden war. Auffällig ist auch, dass die Ermittler in beiden Serien gegen große Widerstände zu kämpfen haben – Widerstände ihrer Kollegen und Vorgesetzten, der ganzen Behörde und auch innere Widerstände in sich selbst. Neue Erkenntnisse, zumal wenn sie das Selbstverständnis des Menschen betreffen, hatten es nie leicht, anerkannt zu werden. Und damit ist es heraus: Es geht um das Selbstverständnis des Menschen. Weiterlesen

American Gods: Migranten wie wir

„American Gods“ ist eine US-amerikanische Streaming-Serie, die in Deutschland bei amazon gezeigt wird.

Journal angelegt am 19.12.2017 Seite 2

Eine Rotte kampf- und wettergegerbter Wickinger landet nach einer langen, entbehrungsreichen Fahrt an einem unbekannten Strand. Als sie sich aufs Landesinnere zubewegen, um es in Besitz zu nehmen, wird einer von ihnen unvermittelt aus eben dieser Richtung Ziel von schätzungsweise hundert fast gleichzeitig in ihn eindringender Pfeile. Noch bevor er tot zu Boden geht, sieht er aus wie ein zu groß geratenes Stachelschwein. So beginnt American Gods, und das Land, das sich hier noch eindrucksvoll gegen Invasoren zu wehren weiß, ist „Amerika“. Nun aber beginnt das zweite Wort des Titels seine Bedeutung zu fordern. Denn die ungebetenen Gäste sehen ein, dass sie weder willkommen sind, noch eine Chance haben, die Hausherren im Kampf zu überwinden. Doch vom Strand kommen sie nicht weg, ihr Schiff bräuchte dazu Wind in den Segeln – der sich ums Verrecken nicht regt, Tag um Tag um Tag. Was tut man in einer ausweglos scheinenden Situation? Na klar: Man wendet sich vertrauensvoll an die zuständige Gottheit. Weiterlesen

Wehe, du bewunderst mich!

Das Lustige ist, dass ich einen anderen Betrag für diesen Blog bereits begonnen hatte, in dem es, unter anderem, ebenfalls um Verleugnung geht. Womit die Katze ja schon größtenteils aus dem Sack wäre und ich versichern kann, dass der Rest nicht mehr lustig ist.

Alice-Salomon-Hochschule Hellersdorf
Foto: Michael Wäser

Der ASTA der Berliner Alice-Salomon-Hochschule hat gefordert, das Gedicht „avenidas“ von Eugen Gomringer von der Hochschulfassade entfernen zu lassen und die Forderung wie folgt begründet:


Link zu: Offener Brief: Stellungnahme zum Gedicht Eugen Gomringers


Objektivierung, Beziehung, Verleugnung

Da es nicht um ästhetische Kriterien geht, muss man auch nicht ästhetisch argumentieren. Es geht um gesellschaftliche Kriterien. Und um psychologische. Man sollte nun meinen, Studierende einer Hochschule für „soziale Arbeit, Gesundheit, Erziehung und Bildung“ sollten sich mit beidem einigermaßen auskennen, doch sie schreiben, sie wollten nicht an ständige „Objektivierung“ durch Männer erinnert werden (Der ASTA scheint ausschließlich aus Frauen zu bestehen). Was soll man dazu sagen? Weiterlesen

Mulholland Drive – Rätsel sind aus.

Dieser Film ließ im Jahr 2001 Lynch-Fans wieder jubeln über das neue unergründliche Rätsel, das ihnen der Meister geschenkt hat. Vor dem Hintergrund warne ich vor dieser möglicherweise enttäuschend nüchternen Betrachtung von „Mulholland Drive“.

DSCF1310.jpgDavid Lynchs Filme gelten oft, und vermutlich zurecht, als enigmatisch, mysteriös und abgründig. Seine Fans schätzen genau das und ergehen sich in Diskussionen um die möglichen Interpretationen. Auch das gehört zum „Kult“ um Lynchs Filme. Immer ist da etwas, das man nicht so einfach verstehen, in Schubladen stecken kann, lauter Rätselhaftes, Geheimnisvolles, Verschlüsseltes, was jeden, der sich damit „kultisch“ beschäftigt, in einen Kreis von Eingeweihten einschließt. Ähnlich sieht es bei M. Night Shyamalans Filmen aus, die von den Fans wegen ihrer Rätselhaftigkeit und Spiritualität geschätzt wurden – bis er „Die Legende von Aang“ drehte. Weshalb ich auf Shyamalan zu sprechen komme: Weil seine Fans (und auch seine Kritiker bzw. Rezensenten) Mysterien und Spiritualität selbst noch dort gesehen haben, wo gar keine (mehr) waren. So brach „The Village“ vollkommen mit einer ansonsten durchgehenden Linie in den Filmen von Shyamalan, ohne dass es überhaupt bemerkt wurde. Die Zuschauer sahen, was sie immer sahen/sehen wollten. Doch wo der Filmemacher in allen seinen vorherigen Filmen über die filmisch-erzählerischen Rätsel und Techniken hinaus sich stets mit spirituellen Themen befasst hatte – dem Geisterdasein in „The Sixth Sense“, dem Beweis einer göttlichen Kraft in „Signs“, dem Mythologischen in der realen Welt in „Das Mädchen aus dem Wasser“ direkt nach „The Village“, entlarvte er in „The Village“ jegliches Geheimnis, jeglichen Glauben an Übernatürliches als puren, kalkulierten Hokuspokus, erfunden und angewandt, um die Bewohner des Dorfes daran zu hindern, die Realität zu erkennen und die Grenzen zur Außenwelt und jene ihres Denkens und Wahrnehmens zu durchbrechen. Wie gesagt – trotzdem gilt der Film als ein weiterer in der Reihe seiner „übernatürlichen“ Filme. Doch keine Spur davon im Film selbst.  Weiterlesen