Rorschach über dem Altar

Die Richter-Fenster in der Abteikirche Tholey

In seiner Dorfkirche gab es zwei Beichtstühle, erzählt mir mein alter Freund, als ich ihn im Saarland vor meiner Lesung aus „Runxendorf“ besuche. Einen, in dem der „Pastor“ die Beichte abnimmt, und einen, in dem das der „Pater“ erledigt. Der Unterschied zwischen beiden Beichtstühlen war gravierend. Kommt ein Pater nur als „auswärtiger Dienstleister“ vorbei, verrichtet seinen Dienst und reist dann wieder ab, so lebt der Herr Pastor zusammen mit seinen „Schafen“ im Dorf. Für viele war daher der Gedanke unerträglich, ihm, der höchsten moralischen Autorität des Dorfes, immer wieder begegnen zu müssen im Wissen, dass er über alle begangenen „Sünden“ Bescheid weiß, jeden unerlaubten Gedanken, jeden Fehltritt, jeden Seitensprung. Ein echtes Dilemma. Für eben diese Gläubigen war der zweite Beichtstuhl gedacht. Denn ohne diesen würden viele ihre schlimmsten „Sünden“ einfach nicht offenbaren und ohne den Segen, ohne göttliche Vergebung weiterleben müssen. Was in einer Kirche ausgesprochen wird und was nicht, ist also von erheblicher, auch religiöser Bedeutung, und es existiert in (mindestens) zwei getrennten Sphären gleichzeitig.

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Schmerzruine oder Das Ende der Welt

Was ich im Dunkeln fand:
Durchgebrochen
Dachte ich erst
Kein Durchbruch
Hinter dem Rennwagen

Überall sonst
In der Ruine
Durchbrüche: oben, unten, in den Seiten, nicht
Hinter dem Rennwagen
Keine Knautschzone in Anspruch genommen

Spuren der Slicks
Nicht zu sehen
Stattdessen
Gräser, Sträucher, junge Bäume
Staub

Verliebte mich
In die Ohnmächtige
Wie sie saß
In der Sicherheitskapsel
Wollte sie heiraten

Auf der Stelle
Am Altar dieser Kirche
Der Schmerzensmann hängt
Nicht mehr
Darf im Moos verfaulen

Weiß nicht
Wie ich herkam
Ich muss die Frau heiraten!
Wären wir schon
Ein Paar

Klimakrise: Diese Sache mit dem Boot

Die Nachrichten über katastrophale klimagebundene Ereignisse häufen sich unübersehbar – und alles andere als überraschend. Dass es immer noch Menschen gibt, die den „Klimawandel“ und/oder unsere Verantworlichkeit dafür leugnen: geschenkt. Längst hat sich das Bewusstsein dieser bevorstehenden epochalen Veränderungen aus dem ganzen Nebel, der eifrig von Lobbyisten und Ignoranten geworfen wurde, erhoben und ist zumindest präsent, sichtbar, deutlich sichtbar. Aber noch immer nicht bestimmend für unser Handeln und Leben, so wie es eigentlich sein müsste. Das scheint verrückt. Denn wir sitzen, wie man so sagt, alle in einem Boot. Und dieses Boot fährt geradewegs auf einen Wasserfall zu. Wenn wir uns nur ein bisschen strecken, können wir ihn schon sehen.

Bleiben wir mal bei diesem Bild. Die uns umgebende Welt, unser Boot. Wir sind in ihm gewachsen, haben darin Zivilisationen und Technologien entwickelt und haben es dabei immer stärker verändert – zu unserem Nutzen, unserer Bequemlichkeit, unserer weiteren Entwicklung. Und haben dabei aus den Augen verloren, dass wir unser Boot schon eine ganze Weile aus komfortablen Gewässern in Richtung ausgedehnter und sehr unangenehmer Stromschnellen gelenkt haben. Diese wiederum sind ein Bild für das, was erst jüngst wieder der IPCC sehr eindringlich in seinem neuesten Welt-Klimabericht als das aktuelle und zukünftige Szenario beschrieben hat. Nun, die Stromschnellen sind jetzt ziemlich nah, und wir haben das Steuer für unser Boot – noch – einigermaßen unter Kontrolle. Also umsteuern, ausweichen, einen ungefährlicheren Kurs einschlagen, gemeinsam und wenn nötig (und das ist es) mit aller Kraft, oder?

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Wirklichkeit im Gesicht

Adam Kinzinger kommt aus der Tea-Party-Bewegung. Das sind die, die in den USA das Prinzip der Realität gegen das der alternativen Fakten ausgetauscht und nicht nur in der Republikanischen Partei durchgesetzt haben. Die, die den Boden für Donald Trump bereitet haben, auch wenn er nie zur Bewegung gehört hat. Trump hat geerntet, was sie einst säten. Und Trump kultiviert – wenn man diesen Begriff bitte wirklich nur landwirtschaftlich versteht – die Früchte trotz Wahlniederlage weiter und bringt sie massenhaft unter die Leute. Er beherrscht die Republikanische Partei wie ein Khan, hinter sich Berge von politischen (und tatsächlichen) Leichen, um sich herum hörige Vasallen: Speichellecker wie einst sein Vize Mike Pence, Strippenzieher wie Rudi Giuliani und Bluthunde wie Jim Jordan.

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Tales from the Loop – Das Wunder liegt überall herum

Nach erst vier geschauten Episoden eine Serie empfehlen? Unbedingt! (Mittlerweile sind alle 8 geschaut, der Artikel aktualisiert.) Jede einzelne der Folgen lohnt das Anschauen. Natürlich erzählen die Episoden neben ihren jeweiligen Geschichten auch eine zusammenhängende, größere, mehrere davon. Doch haben sie alle ein eigenes Thema, das sie auf einzigartige Weise behandeln. Doch von Anfang an:

„Tales from the Loop“ auf amazon prime basiert auf dem gleichnamigen Bild-Roman von Simon Stålenhag. Die Bilder der Verfilmung orientieren sich stark an Motiven und Grundideen in den Gemälden. Zumindest in den ersten vier Episoden – es gibt keinen Grund, dass sich das ändert – sind alle Farben in diesem gleichmütigen, schweigsamen „Heureka“ gedeckt, es gibt viel Dunkel, und Helligkeit ist nicht wirklich hell. Das wirklich Auffällige an diesem abgelegenen Wissenschafts-Städtchen mit 50er- bis 80er-Jahre-Look aber: Überall liegen und stehen aufgegebene oder in Betrieb befindliche Anlagen oder Geräte herum, die aussehen wie Star-Wars-Müll. Wozu sie gut sind oder waren, bleibt meist ein Geheimnis, doch selbst scheinbar komplett ausgeschlachtete Wracks oder abgenutzte, weggeworfene Handgeräte entfalten erstaunliche – magische – Wirkung.

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Überleben. Buchstäblich.

Einige krasse Gedanken, die ich mir bis vor einem Jahr nie hätte vorstellen können, tatsächlich zu denken

Als die Pandemie in Deutschland die ersten allgemeinen Konsequenzen hatte, staunte ich über Anblicke, Erlebnisse und Maßnahmen, die ich noch nie selbst gesehen und erlebt hatte, wahrscheinlich wie die meisten Menschen hier. Es war nicht einfach, ging nicht automatisch, die Dimension zu erkennen, oder überhaupt damit zu beginnen, die Dimension zu erkennen, dessen, was sich da gerade auszubreiten begann. Und die unsichere Frage im Kopf: Ist das alles nicht etwas übertrieben? Damit meine ich nicht (nur) die Infektionslage, sondern alle Konsequenzen, die sich aus ihr ergaben, ob zwangsläufig oder durch Entscheidungen und Handlungen herbeigeführt. Beides entwickelt sich ja seither stetig weiter, täglich verändert sich die Lage, die Stimmung, das Befinden, der Ausblick.

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Mittelalter! Im Ernst?

Pandemie. Nicht mehr auszuhalten! Schon lange! Und dieselben Fehler werden immer wieder gemacht! Dabei gibt es Lösungen! Sagen wir, die es nicht mehr aushalten, dass sie tatsächlich immer noch nicht vorbei ist.

Während ich dies schreibe, läuft in einem separierten, immer sichtbaren extra Fensterchen meines Browsers (smart, Firefox!) die Startvorbereitung der Falcon 9 und der vier Astronaut*innen auf der spaceX-Rampe im live-stream. SpaceX, eines dieser disruptiven Technologieunternehmen, die uns immer wieder zeigen, dass unmöglich (oder gar nicht) geglaubte Dinge möglich sind, wenn man sie nur auf smarte Art angeht. Wenn irgendwas sich (wieder) in unser Bewusstsein im 21. Jahrhundert eingegraben hat, dann ist es dieses Verständnis von Fortschritt. Und als Gegenpol spätestens seit dem 11. September am Beginn desselben Jahrtausends das mittelalterliche Denken der Fundamentalisten.

Mittelalterlicher Alexanderplatz
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Ein Mörder Roman

Mein neuer Roman ist erschienen. „Das Wunder von Runxendorf“ spielt in einem saarländischen Dorf während der Fußball-WM 1974. Erzähler der Geschichte ist ein Mörder.

„Es ist eine wahre Geschichte. So wie ich sie erzähle, genau so ist sie gewesen. Bereit? Na, dann fang ich mal an.“

Aufgewachsen bin ich im Saarland der sechziger, siebziger und achtziger Jahre. Darüber, was das Leben im katholisch-dörflichen Umfeld jener Zeit bedeuten konnte, hatte ich bisher nur schlaglichtartig in wenigen Kurzgeschichten geschrieben. Ich wollte aber auch einmal mit weiterem Blick bestimmte Zusammenhänge darstellen. Dafür fehlte eine größere Erzählung, ein „Plot“, der zuspitzt, aber beispielhaft stehen kann. Also tat ich, was Geschichtenerzähler eben tun: Ich erfand einen.

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