Schau doch, da ist nichts.

Eine Einladung zur Salonage „Männerart – alte und neue Männerbilder“ von Isobel Markus am 18. November dieses Jahres in der Lettrétage/Studio acud gab den Anstoß, meinen Essay „Mein Werwolf“ auch in voller Länge und in Buchform dorthin mitzubringen. Ohne lange Planung und in kurzer Frist veröffentlichen heißt: selbst veröffentlichen. Das Booklet erscheint heute im Handel. (UPDATE DEZ. 2022: möglicherweise gibt es Verzögerungen bei der Auslieferung von B.O.D! Bitte haben Sie etwas Geduld.)

Über seinen langjährigen geheimen Begleiter und die Ursachen und Umstände von dessen Existenz wollte der Autor Michael Wäser schon oft schreiben. Doch erst nach der Fertigstellung seines dunklen „Heimat-Romans“ Das Wunder von Runxendorf schienen alle Teile am rechten Platz. „Mein Werwolf“ ist ein sehr persönlicher und zugleich ins Historische ausgreifender Essay.

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ATHENA – Adieu, Mann!

Romain Gavras, Regisseur des spektakulären Netflix-Dramas „Athéna“, hatte die klassische griechische Tragödie im Kopf, als er den Film entwarf. Als er ihn filmte, waren es Vorbilder wie „Children of Men“, „The Revenant“ und „1917“. Eine Empfehlung.

Selten, vielleicht noch nie zuvor hat man so etwas in einem Film gesehen. Nicht in dieser Menge, in dieser Frequenz und mit diesem Aufwand. Plansequenz reiht sich an Plansequenz in diesem Spielfilm über einen eskalierenden Aufstand in einer Siedlung der Pariser Vorstädte, atemberaubende Fahrten verwandeln sich übergangslos in intensive, ja intime Großaufnahmen der Protagonisten in ihren Zimmern oder Kellern, nur um gleich zu Panoramen aus der Vogelperspektive über der qualmenden Wohnanlage zu werden, auf deren zentralem Platz es zugeht wie im Weltkrieg. Die Bildsprache zitiert sehr bewusst neuere Filme über gescheiterte Ordnungen, über Krieg, über Männer. Dahinter steckt eine unvorstellbar aufwändige Vorbereitungsarbeit, modernste Kameratechnik und ohne Zweifel auch CGI, die man jedoch nicht bemerkt. Hunderte von Kompars*innen, zwei gegnerische Blöcke (junge Männer der Banlieu und die Polizei) und dazwischen die friedlichen Bewohner*innen der Wohnblöcke – Familien, Kinder. Doch die tauchen nur am Rande auf und fliehen, so gut sie können. Um was es hier eigentlich geht, sind die Männer, die nicht mehr weiter wissen.

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The Shining – revisited

Als im Herbst 1980 aus den deutschen Radios eine Stimme verkündete: „Die Woge des Schreckens, die Amerika überflutete, ist auch bei uns angekommen!“, zog es uns ins Kino, damit wir den Sensationsfilm selbst erleben konnten. Shining war meine erste Begegnung mit Stephen King und mit dem Kino von Stanley Kubrick. Ich war gerade 16 geworden, als ich in Erwartung großen Horrors im Klappsitz Platz nahm. Doch der Horror stellte sich nicht ein, der Film ließ mich merkwürdig kalt. Andere Besucher zitterten noch, als sie längst wieder auf dem Heimweg waren. Ich verstand nicht, was sie so erschüttert hatte. Vielleicht verstehe ich es heute noch nicht, doch warum mich die Woge des Schreckens damals nicht überflutete, das weiß ich jetzt. Denn ich habe mir den Film nun noch einmal angesehen.

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Raum, den wir haben

„In Zeiten der Finsternis“, Konzert und Lesung bei „Kunst & Diskurs“ am 31. Juli 2022 in Lübars

Taras Schewtschenko, Kateryna Olia; 1842

Am Sonntag Nachmittag kam der Krieg ins idyllische Lübars. Aber nein. Er war ja schon längst da. Seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine ist er allgegenwärtig, in den Medien, in den Häusern, in den Köpfen. Gestern übernahmen wir nur ein wenig mehr die Initiative, indem wir uns die „Zeiten der Finsternis“ etwas genauer anschauten, genauer – und allgemeiner zugleich. Denn vom Ukrainekrieg dieser Tage wussten weder die Komponisten der Klavierstücke, die zu hören waren, noch ich, als ich vor rund zehn Jahren „Salvatore“ schrieb. Den Krieg aber kannten wir alle, die sich um den Konzertflügel versammelt hatten, natürlich auf die eine oder andere Weise, wohl nicht als Teilnehmende, aber als Betroffene, wie auch immer. Die Reihe „Kunst und Diskurs“ von Annette Weweler belässt es dankenswerterweise nicht beim „Kunstgenuss“, sondern lädt anschließend zur Diskussion. Natalia Nikolaeva, die eine erstaunliche Auswahl von Klavierstücken präsentierte – und ebenso erstaunlich spielte – und ich mit den fünf „Soldatenkapiteln“ aus dem Salvatore-Roman mussten uns nach der Konzert-Lesung erst mal sammeln und Luft schöpfen, aber die Zuhörenden waren, wie wir dann bemerkten, kaum weniger mitgenommen. Das Thema, der Blick in finstere Abgründe, die jeder Krieg mit sich bringt, hatte alle angefasst, die zur Diskussion geblieben waren.

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Von Schwarzkopf

Mein Beitrag zum 13. Jubiläum der Lesebühne „So noch nie“ als einer von 13 Themenbeauftragten zum Thema „öfter und länger kommen“

“Ich sollte öfter und länger kommen”, dachte er und musste grinsen. “Das klang jetzt anders, als es gemeint war”, dachte er und nahm das Regal mit Haarpflegeprodukten wahr, das sich vor ihm zwei Meter in die Höhe und jeweils drei bis vier Meter zu jeder Seite aufbaute. Wie war er hierher gekommen? Typisch Feierabendmüdigkeit. “Nicht öfter”, dachte er, “aber ab und zu mal länger bleiben. Zeit nehmen. Nicht nur reinhetzen, zugreifen, zahlen und raus. “Sonst hätte ich das bestimmt gar nicht gesehen.” Er hielt eine kleine Schachtel in der Hand. “Schauma festes Shampoo.” Zwischen den vier oder fünf festen Öko-Produkten, die ihrerseits zwischen den zahllosen flüssigen Markenshampoos, -spülungen und so weiter ein Schattendasein fristeten, war ihm der Name “Schauma” ins Auge gestochen.

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Was weiß ich!

Zuerst speichern Sie bitte Folgendes ab: Dies ist ein Essay. Ich hatte überlegt, den Text „wilde Spekulation“ zu taggen, aber „Essay“ klingt viel glaubwürdiger. Jetzt kann es losgehen:

„Niemand würde am Ende des neunzehnten Jahrhunderts geglaubt haben, dass diese Welt aufmerksam und sehr genau beobachtet wurde von Intelligenzen größer als die des Menschen und doch so sterblich wie er selbst; dass die Menschen untersucht und dabei studiert wurden, wie sie ihren alltäglichen Angelegenheiten nachgingen, ähnlich penibel wie wir die kurzlebigen Organismen, die in einem Wassertropfen umherschwirren und sich vermehren, mit einem Mikroskop studieren.“

So beginnt „Der Krieg der Welten“ von H. G. Wells. Und schon in diesem kurzen Absatz ist fast alles enthalten, womit sich der folgende Text befassen soll: Glauben, Wissen, Neugier, Angst. Fehlt noch: Gesellschaft. Aber ganz fehlt sie hier auch nicht. Zum Beispiel ging gerade „Der Krieg der Welten“ in die Geschichte ein, indem Orson Welles ein Hörspiel daraus machte, als praktisch jeder in den USA ein Radio und noch niemand ein Fernsehgerät hatte. Sein origineller und eindringlicher Umgang mit dem Stoff und mit dem Medium – er inszenierte die Geschichte im Radio als Radio-Live-Reportage mit allen wiedererkennbaren Merkmalen des bis dahin einzigen Echtzeit-Massenmediums – führte dazu, dass viele Zuhörer tatsächlich glaubten, Marsianer griffen die Erde an, jetzt, genau in diesem Moment, wo sie in ihrer Guten Stube mit der Familie vor dem Gerät saßen, und ihr letztes Stündlein habe geschlagen. Sie waren so überzeugt von der gekonnten Inszenierung, dass manche von ihnen bewaffnete Trupps bildeten und in die Nacht hinaus zogen, um gegen mordende Marsmenschen zu kämpfen.

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Was ist mit ihnen? – „In Therapie“ II auf arte

Natürlich ist diese TV-Serie eine Art „Werbung“ für die Psychoanalyse, um genau zu sein, die Psychoanalyse nach Lacan, und natürlich macht die Dramatisierung von Psychoanalyse immer krasse Fehler. Doch „In Therapie“ macht die richtigen.

Psychoanalyse und/oder Analytiker werden in Film und Fernsehen meistens lächerlich gemacht, etwas seltener in grotesken Thrillerplots verheizt oder als niedliche bis kitschige Nebenhandlung eingesetzt. Das liegt allerdings nicht nur daran, dass die betreffenden Künstler*innen kein Interesse an einer adäquaten Darstellung haben, sondern auch daran, dass eine Psychoanalyse eigentlich nicht darstellbar ist, ohne das Publikum zu vergraulen. Dass mittlerweile aber eine ganze Reihe von TV-Serien sich genau dieser Aufgabe gewidmet hat – angefangen mit dem israelischen Original über das US-amerikanische Remake bis zum französischen Ableger, der jetzt in zweiter Staffel bei arte gezeigt wird – ist daher wirklich erstaunlich. Dabei gelingt den Serien Beachtliches, und zwar gerade weil sie manche Dinge sehr falsch darstellen und manche sehr richtig. Falsch daran ist vor allem, dass viel zu viel geredet wird. Besser gesagt, die Worte, die fallen, tun dies in viel zu kurzer Zeit. Endlose und endlos erscheinende Momente einer echten Analyse bestehen aus oft qualvollem Schweigen, das auch der/die Analytiker*in meist nicht aufhebt, sondern zulässt, zulassen muss, manchmal eine gesamte Sitzung lang. Das kann man in realistischer Darstellung keinem Publikum zumuten. Die Sitzungen, die wir da sehen, erscheinen dagegen als wortreiche Dialoge zwischen Analytiker*in und Patient*in, streng genommen ein Verstoß gegen die Regeln der Analyse. Was zwangsläufig zum zweiten Fehler führt, der Darstellung des/der Analytiker*in und seiner/ihrer Rolle in der Analyse. Die besteht nicht darin, die Patienten „zu analysieren“ und zu erklären, was mit ihnen los ist, auch nicht darin, sich in eine Diskussion verwickeln zu lassen – beides, vor allem das erste, geschieht öfters in der arte-Serie, wenn auch viel feinfühliger als in jeder anderen Produktion. Es ist der Preis der „Dramatisierung“, also der Notwendigkeiten einer TV-Dramaturgie. Den entrichten die Macher aber, weil sie andererseits das Eigentliche, den Kern der Analyse bewahren und mit der Serie etwas Einzigartiges und einzigartig Wahrhaftiges vermitteln können. Und das ist, mit einem Wort, Würde.

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Ein Wiedersehen im Saarland

Ende Oktober durfte ich auf Einladung der wunderbaren Lebacher Buchhandlung Anne Treib Buch & Papier bei der Woche der unabhängigen Buchhandlungen meinen Saarland-Roman „Das Wunder von Runxendorf“ vorstellen. Es war ein sehr besonderer Abend, denn es war meine erste Lesung im Saarland überhaupt (sieht man von zwei Lesungen auf „saarländischem Hoheitsgebiet“ in der Berliner Landesvertretung ab), und ausgerechnet die bittere Betrachtung des Dorflebens in den Siebzigern lag nun auf dem Tisch. Im Publikum, wie zu erwarten, viele alte Bekannte, alte Freund*innen, Schulkamerad*innen, die ich seit mehreren Jahrzehnten nicht mehr gesehen hatte (und eine große, schöne Überraschung, mein verehrter Deutschlehrer vom Lebacher Gymnasium JKG). Wegen der besonderen Situation hatte ich schon im Vorfeld ein paar erklärende Worte aufgeschrieben, die ich nun vorausschickte. Ich gebe sie hier wieder:

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