Klimakrise: Diese Sache mit dem Boot

Die Nachrichten über katastrophale klimagebundene Ereignisse häufen sich unübersehbar – und alles andere als überraschend. Dass es immer noch Menschen gibt, die den „Klimawandel“ und/oder unsere Verantworlichkeit dafür leugnen: geschenkt. Längst hat sich das Bewusstsein dieser bevorstehenden epochalen Veränderungen aus dem ganzen Nebel, der eifrig von Lobbyisten und Ignoranten geworfen wurde, erhoben und ist zumindest präsent, sichtbar, deutlich sichtbar. Aber noch immer nicht bestimmend für unser Handeln und Leben, so wie es eigentlich sein müsste. Das scheint verrückt. Denn wir sitzen, wie man so sagt, alle in einem Boot. Und dieses Boot fährt geradewegs auf einen Wasserfall zu. Wenn wir uns nur ein bisschen strecken, können wir ihn schon sehen.

Bleiben wir mal bei diesem Bild. Die uns umgebende Welt, unser Boot. Wir sind in ihm gewachsen, haben darin Zivilisationen und Technologien entwickelt und haben es dabei immer stärker verändert – zu unserem Nutzen, unserer Bequemlichkeit, unserer weiteren Entwicklung. Und haben dabei aus den Augen verloren, dass wir unser Boot schon eine ganze Weile aus komfortablen Gewässern in Richtung ausgedehnter und sehr unangenehmer Stromschnellen gelenkt haben. Diese wiederum sind ein Bild für das, was erst jüngst wieder der IPCC sehr eindringlich in seinem neuesten Welt-Klimabericht als das aktuelle und zukünftige Szenario beschrieben hat. Nun, die Stromschnellen sind jetzt ziemlich nah, und wir haben das Steuer für unser Boot – noch – einigermaßen unter Kontrolle. Also umsteuern, ausweichen, einen ungefährlicheren Kurs einschlagen, gemeinsam und wenn nötig (und das ist es) mit aller Kraft, oder?

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Wirklichkeit im Gesicht

Adam Kinzinger kommt aus der Tea-Party-Bewegung. Das sind die, die in den USA das Prinzip der Realität gegen das der alternativen Fakten ausgetauscht und nicht nur in der Republikanischen Partei durchgesetzt haben. Die, die den Boden für Donald Trump bereitet haben, auch wenn er nie zur Bewegung gehört hat. Trump hat geerntet, was sie einst säten. Und Trump kultiviert – wenn man diesen Begriff bitte wirklich nur landwirtschaftlich versteht – die Früchte trotz Wahlniederlage weiter und bringt sie massenhaft unter die Leute. Er beherrscht die Republikanische Partei wie ein Khan, hinter sich Berge von politischen (und tatsächlichen) Leichen, um sich herum hörige Vasallen: Speichellecker wie einst sein Vize Mike Pence, Strippenzieher wie Rudi Giuliani und Bluthunde wie Jim Jordan.

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Überleben. Buchstäblich.

Einige krasse Gedanken, die ich mir bis vor einem Jahr nie hätte vorstellen können, tatsächlich zu denken

Als die Pandemie in Deutschland die ersten allgemeinen Konsequenzen hatte, staunte ich über Anblicke, Erlebnisse und Maßnahmen, die ich noch nie selbst gesehen und erlebt hatte, wahrscheinlich wie die meisten Menschen hier. Es war nicht einfach, ging nicht automatisch, die Dimension zu erkennen, oder überhaupt damit zu beginnen, die Dimension zu erkennen, dessen, was sich da gerade auszubreiten begann. Und die unsichere Frage im Kopf: Ist das alles nicht etwas übertrieben? Damit meine ich nicht (nur) die Infektionslage, sondern alle Konsequenzen, die sich aus ihr ergaben, ob zwangsläufig oder durch Entscheidungen und Handlungen herbeigeführt. Beides entwickelt sich ja seither stetig weiter, täglich verändert sich die Lage, die Stimmung, das Befinden, der Ausblick.

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Mittelalter! Im Ernst?

Pandemie. Nicht mehr auszuhalten! Schon lange! Und dieselben Fehler werden immer wieder gemacht! Dabei gibt es Lösungen! Sagen wir, die es nicht mehr aushalten, dass sie tatsächlich immer noch nicht vorbei ist.

Während ich dies schreibe, läuft in einem separierten, immer sichtbaren extra Fensterchen meines Browsers (smart, Firefox!) die Startvorbereitung der Falcon 9 und der vier Astronaut*innen auf der spaceX-Rampe im live-stream. SpaceX, eines dieser disruptiven Technologieunternehmen, die uns immer wieder zeigen, dass unmöglich (oder gar nicht) geglaubte Dinge möglich sind, wenn man sie nur auf smarte Art angeht. Wenn irgendwas sich (wieder) in unser Bewusstsein im 21. Jahrhundert eingegraben hat, dann ist es dieses Verständnis von Fortschritt. Und als Gegenpol spätestens seit dem 11. September am Beginn desselben Jahrtausends das mittelalterliche Denken der Fundamentalisten.

Mittelalterlicher Alexanderplatz
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Das gespaltene Land

Sein Buch „Der Gefühlsstau“ machte Hans-Joachim Maaz bekannt. Erstmals nach der Wende beschrieb darin ein Psychologe aus der ehemaligen DDR die psychische Verfassung der Ostdeutschen im vereinten Deutschland und deren Ursachen im DDR-Leben. Nun schreibt er über die Gesamtdeutschen, die sich nicht einig werden, und wie er persönlich an ihnen verzweifelt.

Versteher

In den letzten Jahren sah sich Maaz immer wieder mit Vorwürfen konfrontiert, „rechts“ zu sein, ein „AfD-Versteher“. Darauf geht er gleich im Vorwort zu seinem neuen Buch ein und erzählt ganz persönlich, wie anders er sich doch selbst versteht und wie ihn das Klima, aus dem dieses neue „Lagerdenken“ kommt, verstört. Dass sich das gesellschaftliche Klima verändert hat, steht außer Frage, doch damit ist nicht alles gesagt: Hier setzt seine psychologische Analyse an.

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Trotzdem, oder: The Eddy

Eine Serie über einen Jazz-Club, ohne Filmmusik. Musik machen hier nur die Musiker*innen, die man sehen kann, und die Stadt, in der alles spielt: Paris. Und es ist nicht das Postkartenparis und auch keine romantische Musik, ganz und gar nicht. Was außergewöhnlich ist für eine amerikanische Produktion. Dieses Paris ist das extrem beengte, nervige, beunruhigend vitale, arme, raue, brutale Straßenparis und die Musik ist die der allgegenwärtigen Baustellen, überlaufenen Bahnhöfe, klapprigen Metros, der Seitenstraßen und Banlieues voller schreiender Motorroller, jaulender Polizeisirenen, unentrinnbarem Geplapper auf den Straßen und Plätzen, Fluglärm von oben und Bassdröhnen aus dem Souterrain. Ein kraftraubender Ort, einer, dem man gewachsen sein muss – aber wer ist das schon?

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CORONA: Das ist alles – nur nicht das, was es ist.

Warum die Rechte mit der Pandemie nicht klarkommt.

Berlin, Charité, März 2020

Was man nicht alles zugespült bekommt, zusammen mit den unvermeidlichen Nachrichten über die Corona-Pandemie: „Alles eine gigantische Verschwörung“, „Die wahren Ursachen werden wir nie erfahren“, „verdeckter Staatsstreich“ oder gar „Die Epidemie gibt es gar nicht“. Das sind nur einige wenige der kursierenden Meinungen, Videos, Interviews usw. Abenteuerliche Erfindungen, altbekannte Halbwahrheiten, Verdrehungen, Umdeutungen, wie man sie im Prinzip kennt, nur befinden sich viele noch offensichtlicher abseits der greifbaren Realität und der schlichten Einsicht ins Tatsächliche als sonst. Der Übergang zur normalen Diskussion von Meinungen und Sichtweisen in pluralen Gesellschaften ist dabei fließend. Die meisten von ihnen kommen aus und schlagen Wellen besonders im politisch rechten Spektrum. Warum?

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Was uns kenianische Paviane über Jahrtausende der Gewalt zwischen Menschen sagen können

Wie viel Pavian steckt im Menschen? Man muss in der Hierarchie der biologischen Systematik ziemlich weit nach unten scrollen, um auf die Stelle zu stoßen, ab der unsere Gemeinsamkeiten enden: die Teilordnung „Altweltaffe“. Paviane und Menschen sind beides Altweltaffen. Weiter unten in der Systematik kommen nur noch zwei Obergruppen, „Familie“ und „Gattung“, die bei Pavianen anders lauten als bei uns. Doch die vorangestellten gemeinsamen Zugehörigkeiten und die daraus ersehbare Jahrmilliarden dauernde gemeinsame – nein, identische – Evolutionsgeschichte lassen schon erahnen, dass uns mehr verbindet, als dass wir an verschiedenen Ecken derselben Straße wohnen.

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