Ray Donovan – das Innere nach außen

Wieder eine US-Serie, die einen um den Schlaf bringt – diesmal aber nicht nur, weil sie spannend ist.

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Ray Donovan (Liev Schreiber) ist kein Mann, der gern redet. Jedenfalls nicht mit Worten. Nicht, dass er gar nicht redet, aber wenn, dann ungern und kurz angebunden, nur weil die Situation es verlangt. In den „besseren Kreisen“ von L. A. wird ohnehin viel zu viel Bullshit gequatscht, da kann man schon verstehen, wenn einer da nicht mitmachen will. Aber Verachtung für die Egomanen, die Gierigen, Halt- und Rücksichtslosen ist nur ein Grund für Ray, sparsam mit Worten umzugehen. Schließlich lebt er von ihren Eskapaden, ihren Fehltritten und auch ihren Verbrechen. Er ist ein „Fixer“. Er bringt Sachen wieder in Ordnung. Und er ist sehr gut. Er ist cool. Frauen werfen sich ihm an den Hals, und nur selten weist er sie zurück. Er verdient viel, sehr viel Geld. Weiterlesen

Trump: Invasion of the Body Snatchers

Immer wieder wundern wir uns über die Abstrusitäten, mit denen Trump und seine „Bewegung“ die Welt konfrontieren, übersehen dabei jedoch, was es damit wirklich auf sich hat. Bis wir genauso sind wie sie.

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Tea Party & co

Die sogenannte „Tea-Party“ ist nicht einfach eine politische Strömung der republikanischen Partei, sie ist eine Sekte. Sie bereitete den traditionellen, „vernünftigen“ Republikanern von Anfang an Bauchschmerzen, weil sie nicht nur extreme, sondern irrationale, unsinnige Forderungen und Positionen vertrat. Doch wurde sie „unerklärlicherweise“ immer stärker, und nun hat sie zusammen mit alt right, der nationalistisch-extremistischen Rechten, fürs erste sogar die Macht übernommen. Ein Anführer von außen hat die Tea Party, alt right, fundamentalistische Strömungen und faktisch auch gleich die ganze, alte republikanische Partei an sich gerissen, sich an ihre Spitze gestellt, und nun hat die Sekte einen Sektenführer. Weiterlesen

Menschenfreundlichkeit aus der Rechnerfarm

Ratatouille, WALL.E, Toy Story, Findet Nemo, Monster AG, Merida und Oben sind eine humanistische Bibliothek für kleine und große Menschen.

Nein, ich habe nicht alle Pixar-Filme gesehen, aber bis auf die letzten drei, vier fast alle. Was je nach Standpunkt auffällig oder verdächtig ist, denn schon als der erste Pixar-Kinofilm erschien (Toy Story, 1995), war ich lange kein Kind mehr. Mein eigenes Kind erschien zwar im selben Jahr, doch bis ich mit ihm zusammen ins Kino ging, dauerte es noch mindestens bis zu Toy Story 2 (1999) oder Die Monster AG (2001). Und wenige Pixar-Filme später war die Zeit der gemeinsamen Besuche im Kinderkino auch schon wieder vorbei. Cars war wohl der letzte Pixar-Film, den wir zusammen ansahen. Ich habe mir die Filme also meistens ohne kindliche Begleitung (oder Rechtfertigung) angesehen, teils im Kino, teils auf DVD oder im Fernsehen.

Für viele sind die Animationsfilme aus dem Pixar-Studio Kinderfilme, für die meisten eher Familienfilme. Für mich sind sie – nicht alle, aber fast alle – große, humanistische Kunst. Und bewundernswertes, erfinderisches Erzählerhandwerk. Weiterlesen

Hiromi. Eine Hymne auf das Ungestüm

Während eines Interviews für den Hersteller ihres wichtigsten Werkzeugs macht Hiromi Uehara, als sie über klassische Musik spricht, mit beiden Armen eine weit ausladende Geste. Die klassischen Komponisten seien es, welche das Klavier in seinen ganzen Möglichkeiten ausschöpften. Diese Geste ist es, die nun ihre eigene Musik auszeichnet – sie will alles, will sich von nichts einschränken lassen, nicht von geschmacklichen, traditionellen, technischen und schon gar nicht spieltechnischen Grenzen. Sie will das ganze Spektrum des musikalischen Ausdrucks ausschöpfen in aller Breite und seiner ganzen Tiefe, es sogar noch ausweiten ins Unbekannte. Und zwar in beinahe jedem ihrer Stücke, immer, alles. Weiterlesen

Nur ein Bild

zum besseren Betrachten bitte anklicken
Zum genaueren Betrachten bitte anklicken. Quelle: National Gallery, London

 

Es ist früh am Morgen, der Kaffee ist bereit, seine Treibladung zu zünden, die ersten Mails fliegen ein. Darunter, wie jeden Tag, ein Bild. Quasi im Abo bekomme ich jeden Morgen eine kleine Reproduktion eines Gemäldes geschickt, irgendetwas aus der Kunstgeschichte dieser Erde, eine liebgewonnene Gewohnheit ist es mir so geworden, morgens mit als erstes einen Blick auf Kunst zu werfen. Und dann das. Ich kenne das Bild, schon seit langer Zeit. Schon damals, ich muss noch Schüler oder Student gewesen sein, hat es mich geflasht. Jetzt ist es wieder da. Viel ist geschehen auf der Welt, seit damals. Und noch immer brennt mir das Bild im Gemüt, wenn ich es ansehe, es brennt und wärmt zugleich, begeistert und erschreckt. Dabei ist es ein echt ödes Bild, eine kleine Holztafel mit Farbe darauf, viel passiert da nicht, eigentlich gar nichts. Da sitzt einer und liest. Drumherum nichts, ein Haus, ein großer Innenraum vielmehr, ein Löwe schlendert entspannt da herum, ungewöhnlich, aber überhaupt nicht dramatisch, der Kerl, der liest, lässt sich davon nicht stören. Vögel flattern an den glaslosen Fenstern, draußen Italien, der warme Sommerwind durchweht das Haus, man möchte sich einfach ein kühles Getränk mixen und vielleicht ein bisschen den zahmen Löwen kraulen. Oder sich ebenfalls eins der Bücher schnappen und lesen. Und den Löwen kraulen. Weiterlesen

Wir müssen reden. Europa

DSCF5573Seit den türkischen Parlamentswahlen, deren Ausgang Präsident Erdogan nur als Demütigung und Gefährdung seiner Machtansprüche auffassen konnte, habe ich mich gefragt, wie er darauf reagieren würde. Dass er eine Beschneidung oder gar den Verlust seiner immer autoritärer gewordenen Herrschaftsausübung nicht hinnehmen würde wie ein demokratisches Staatsoberhaupt es tun sollte, schien vollkommen klar. Doch die Niederlage kam für ihn so überraschend, dass er Zeit brauchte, eine Strategie zu entwickeln, denn er hatte wohl keinen fertigen Plan in der Schublade. Nun ist jedoch offensichtlich, zu welchen Schlüssen er gekommen ist. Er erklärt die Rechte und die demokratische Teilhabe des kurdischen Teils seines Staatsvolkes für entbehrlich, indem er den Friedensprozess beendet und die PKK wieder beschießt, statt mit ihr zu verhandeln, indem er sie und nicht den IS zum Staatsfeind Nr. 1 erklärt. Das also ist seine Antwort auf die Gefährdung seiner Macht und der Macht seiner Partei in der Türkei, auf das Votum seines Volkes, welches mit seiner immer weiter vorangetriebenen Anhäufung von Macht und ihrer immer kompromissloseren Durchsetzung nicht mehr einverstanden war. Für Erdogan gibt es scheinbar nur Freunde oder Feinde. Demokratischer Kompromiss und Auseinandersetzung scheint ihm zuwider, sein mörderischer Armeeeinsatz, der die Türen zum Dialog für lange Zeit verschließen wird, ist eindeutig. Weiterlesen

Was Mörder macht

Sowjetrussischer Serienmörder und Islamischer Staat, Anders Breivik und Hitlers willige Vollstrecker – Citizen X und Das Lachen der Täter DSCF2881 Der wohl schmerzhafteste Moment dieses Films ereignet sich, als er beinahe zu Ende ist. Es ist zugleich sein schönster und erschreckendster Moment. Und vermutlich einer der erhellendsten in der Filmgeschichte, wenn es um die Kräfte geht, die aus Menschen Mörder machen oder eben nicht.

In dem US-amerikanischen TV-Spielfilm „Citizen X“ von 1995 geht es um den authentischen Fall des Serienmörders Chikatilo, der von den siebziger bis neunziger Jahren in der damals sowjetrussischen Stadt Rostow über fünfzig Minderjährige bestialisch missbraucht und ermordet hat. Nach quälend langwierigen und erfolglosen Ermittlungen des mit der Tätersuche betrauten Gerichtsmediziners, die erst vorangekommen sind, nachdem Gorbatschows Perestroika die kommunistischen Seilschaften der Stadt und des Oblast größtenteils weggefegt hat, sitzt der Täter in der Verhörzelle und will weder reden noch gestehen. Was die Zuschauer des Films bis zu diesem Punkt miterleben mussten, ließ ihnen mehr als einmal die Haare zu Berge stehen. Nicht nur, weil sie Zeuge mehrerer dieser Morde wurden, sondern auch Zeuge der Halsstarrigkeit, mit der die Parteifunktionäre die Ermittlungen über mehr als zehn Jahre hinweg knebeln, instrumentalisieren, beeinflussen, ja verhindern, nur damit nicht publik wird, dass es in der Sowjetunion, genau wie im „dekadenten Westen“, Serienmörder gibt. Nicht wenige Kinder verloren auch deshalb ihr Leben, der Ermittler erlitt mehrere Nervenzusammenbrüche, ein leichtfertig Verhafteter erhängte sich in seiner Zelle. Kurz vor Schluss nun ist der mutmaßliche Täter gefasst und soll gestehen, weil man ihm die Verbrechen nicht nachweisen kann. Doch er schweigt oder weicht dem hilflosen Druck des Parteikommissars aus, indem er über Banalitäten redet. Weiterlesen

Der zweite Bund


Beschneidung, Trauma und Tabu. Ein Beitrag zur Debatte um das Kölner Urteil.

Trauma (v. griech. τραύμα ‚Wunde‘)

Die rituelle Beschneidung von Jungen oder Mädchen ist eine vor Jahrtausenden entstandene Prozedur mit dem Zweck, das beschnittene Kind in die Gemeinschaft aufzunehmen und es gleichzeitig an die Gemeinschaft zu binden. Es klingt paradox, aber dieser und andere Riten, bei denen Kindern oder Jugendlichen, seltener auch Erwachsenen, schmerzhafte und bleibende Verletzungen beigebracht werden, scheinen dem Zusammenhalt der Gruppe nicht zu schaden, sondern ihn zu festigen. Warum ist das so? Und warum wollen z.B. Juden und Moslems diesen riskanten und umstrittenen Brauch, der den „Bund mit Gott“ besiegelt, nicht der heutigen, stärkeren Berücksichtigung von Kinder – und Menschenrechten zumindest anpassen? Dieser Beitrag versucht, eine Antwort zu finden, allerdings nicht auf dem Gebiet der religiösen Tradition, sondern der Psychologie des Menschen.

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