Was ist mit ihnen? – „In Therapie“ II auf arte

Natürlich ist diese TV-Serie eine Art „Werbung“ für die Psychoanalyse, um genau zu sein, die Psychoanalyse nach Lacan, und natürlich macht die Dramatisierung von Psychoanalyse immer krasse Fehler. Doch „In Therapie“ macht die richtigen.

Psychoanalyse und/oder Analytiker werden in Film und Fernsehen meistens lächerlich gemacht, etwas seltener in grotesken Thrillerplots verheizt oder als niedliche bis kitschige Nebenhandlung eingesetzt. Das liegt allerdings nicht nur daran, dass die betreffenden Künstler*innen kein Interesse an einer adäquaten Darstellung haben, sondern auch daran, dass eine Psychoanalyse eigentlich nicht darstellbar ist, ohne das Publikum zu vergraulen. Dass mittlerweile aber eine ganze Reihe von TV-Serien sich genau dieser Aufgabe gewidmet hat – angefangen mit dem israelischen Original über das US-amerikanische Remake bis zum französischen Ableger, der jetzt in zweiter Staffel bei arte gezeigt wird – ist daher wirklich erstaunlich. Dabei gelingt den Serien Beachtliches, und zwar gerade weil sie manche Dinge sehr falsch darstellen und manche sehr richtig. Falsch daran ist vor allem, dass viel zu viel geredet wird. Besser gesagt, die Worte, die fallen, tun dies in viel zu kurzer Zeit. Endlose und endlos erscheinende Momente einer echten Analyse bestehen aus oft qualvollem Schweigen, das auch der/die Analytiker*in meist nicht aufhebt, sondern zulässt, zulassen muss, manchmal eine gesamte Sitzung lang. Das kann man in realistischer Darstellung keinem Publikum zumuten. Die Sitzungen, die wir da sehen, erscheinen dagegen als wortreiche Dialoge zwischen Analytiker*in und Patient*in, streng genommen ein Verstoß gegen die Regeln der Analyse. Was zwangsläufig zum zweiten Fehler führt, der Darstellung des/der Analytiker*in und seiner/ihrer Rolle in der Analyse. Die besteht nicht darin, die Patienten „zu analysieren“ und zu erklären, was mit ihnen los ist, auch nicht darin, sich in eine Diskussion verwickeln zu lassen – beides, vor allem das erste, geschieht öfters in der arte-Serie, wenn auch viel feinfühliger als in jeder anderen Produktion. Es ist der Preis der „Dramatisierung“, also der Notwendigkeiten einer TV-Dramaturgie. Den entrichten die Macher aber, weil sie andererseits das Eigentliche, den Kern der Analyse bewahren und mit der Serie etwas Einzigartiges und einzigartig Wahrhaftiges vermitteln können. Und das ist, mit einem Wort, Würde.

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1941 – Ein verzweifelter Clown von einem Film

Übermorgen startet Steven Spielbergs Neuverfilmung von „West Side Story“ in den Kinos. Wer sich darüber wundert, dass Spielberg einen Tanzfilm macht, hat „1941“ noch nicht gesehen. Darin gibt es eine der großartigsten Tanz-Massenszenen überhaupt. Doch der Film hat eine noch viel größere Bedeutung.

Heute jährt sich der japanische Angriff auf die US-Marinebasis Pearl Harbour, und zufällig gehen mir seit Tagen einige Gedanken zu Steven Spielberg durch den Kopf, der einen (vielleicht DEN) Pearl-Harbour-Film gemacht hat. Nur wenige allerdings kennen diesen Film, denn er gehört zu Spielbergs wenigen Flops, gilt gar als wirtschaftliches Desaster. Das hat Gründe, die sicher nicht in der erzählerischen und technischen Ebene oder gar beim Schauwert liegen, denn bei den beiden ersten liegt er vollkommen auf dem Niveau früherer und auch späterer Spielberg-Filme und beim dritten übertrifft er eigentlich alles, was bis dahin auf einer Kinoleinwand zu sehen gewesen war: Er ist atemberaubend spektakulär. Warum ist er dermaßen baden gegangen?

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Klimakrise: Diese Sache mit dem Boot

Die Nachrichten über katastrophale klimagebundene Ereignisse häufen sich unübersehbar – und alles andere als überraschend. Dass es immer noch Menschen gibt, die den „Klimawandel“ und/oder unsere Verantworlichkeit dafür leugnen: geschenkt. Längst hat sich das Bewusstsein dieser bevorstehenden epochalen Veränderungen aus dem ganzen Nebel, der eifrig von Lobbyisten und Ignoranten geworfen wurde, erhoben und ist zumindest präsent, sichtbar, deutlich sichtbar. Aber noch immer nicht bestimmend für unser Handeln und Leben, so wie es eigentlich sein müsste. Das scheint verrückt. Denn wir sitzen, wie man so sagt, alle in einem Boot. Und dieses Boot fährt geradewegs auf einen Wasserfall zu. Wenn wir uns nur ein bisschen strecken, können wir ihn schon sehen.

Bleiben wir mal bei diesem Bild. Die uns umgebende Welt, unser Boot. Wir sind in ihm gewachsen, haben darin Zivilisationen und Technologien entwickelt und haben es dabei immer stärker verändert – zu unserem Nutzen, unserer Bequemlichkeit, unserer weiteren Entwicklung. Und haben dabei aus den Augen verloren, dass wir unser Boot schon eine ganze Weile aus komfortablen Gewässern in Richtung ausgedehnter und sehr unangenehmer Stromschnellen gelenkt haben. Diese wiederum sind ein Bild für das, was erst jüngst wieder der IPCC sehr eindringlich in seinem neuesten Welt-Klimabericht als das aktuelle und zukünftige Szenario beschrieben hat. Nun, die Stromschnellen sind jetzt ziemlich nah, und wir haben das Steuer für unser Boot – noch – einigermaßen unter Kontrolle. Also umsteuern, ausweichen, einen ungefährlicheren Kurs einschlagen, gemeinsam und wenn nötig (und das ist es) mit aller Kraft, oder?

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Wirklichkeit im Gesicht

Adam Kinzinger kommt aus der Tea-Party-Bewegung. Das sind die, die in den USA das Prinzip der Realität gegen das der alternativen Fakten ausgetauscht und nicht nur in der Republikanischen Partei durchgesetzt haben. Die, die den Boden für Donald Trump bereitet haben, auch wenn er nie zur Bewegung gehört hat. Trump hat geerntet, was sie einst säten. Und Trump kultiviert – wenn man diesen Begriff bitte wirklich nur landwirtschaftlich versteht – die Früchte trotz Wahlniederlage weiter und bringt sie massenhaft unter die Leute. Er beherrscht die Republikanische Partei wie ein Khan, hinter sich Berge von politischen (und tatsächlichen) Leichen, um sich herum hörige Vasallen: Speichellecker wie einst sein Vize Mike Pence, Strippenzieher wie Rudi Giuliani und Bluthunde wie Jim Jordan.

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Überleben. Buchstäblich.

Einige krasse Gedanken, die ich mir bis vor einem Jahr nie hätte vorstellen können, tatsächlich zu denken

Als die Pandemie in Deutschland die ersten allgemeinen Konsequenzen hatte, staunte ich über Anblicke, Erlebnisse und Maßnahmen, die ich noch nie selbst gesehen und erlebt hatte, wahrscheinlich wie die meisten Menschen hier. Es war nicht einfach, ging nicht automatisch, die Dimension zu erkennen, oder überhaupt damit zu beginnen, die Dimension zu erkennen, dessen, was sich da gerade auszubreiten begann. Und die unsichere Frage im Kopf: Ist das alles nicht etwas übertrieben? Damit meine ich nicht (nur) die Infektionslage, sondern alle Konsequenzen, die sich aus ihr ergaben, ob zwangsläufig oder durch Entscheidungen und Handlungen herbeigeführt. Beides entwickelt sich ja seither stetig weiter, täglich verändert sich die Lage, die Stimmung, das Befinden, der Ausblick.

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Mittelalter! Im Ernst?

Pandemie. Nicht mehr auszuhalten! Schon lange! Und dieselben Fehler werden immer wieder gemacht! Dabei gibt es Lösungen! Sagen wir, die es nicht mehr aushalten, dass sie tatsächlich immer noch nicht vorbei ist.

Während ich dies schreibe, läuft in einem separierten, immer sichtbaren extra Fensterchen meines Browsers (smart, Firefox!) die Startvorbereitung der Falcon 9 und der vier Astronaut*innen auf der spaceX-Rampe im live-stream. SpaceX, eines dieser disruptiven Technologieunternehmen, die uns immer wieder zeigen, dass unmöglich (oder gar nicht) geglaubte Dinge möglich sind, wenn man sie nur auf smarte Art angeht. Wenn irgendwas sich (wieder) in unser Bewusstsein im 21. Jahrhundert eingegraben hat, dann ist es dieses Verständnis von Fortschritt. Und als Gegenpol spätestens seit dem 11. September am Beginn desselben Jahrtausends das mittelalterliche Denken der Fundamentalisten.

Mittelalterlicher Alexanderplatz
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Das gespaltene Land

Sein Buch „Der Gefühlsstau“ machte Hans-Joachim Maaz bekannt. Erstmals nach der Wende beschrieb darin ein Psychologe aus der ehemaligen DDR die psychische Verfassung der Ostdeutschen im vereinten Deutschland und deren Ursachen im DDR-Leben. Nun schreibt er über die Gesamtdeutschen, die sich nicht einig werden, und wie er persönlich an ihnen verzweifelt.

Versteher

In den letzten Jahren sah sich Maaz immer wieder mit Vorwürfen konfrontiert, „rechts“ zu sein, ein „AfD-Versteher“. Darauf geht er gleich im Vorwort zu seinem neuen Buch ein und erzählt ganz persönlich, wie anders er sich doch selbst versteht und wie ihn das Klima, aus dem dieses neue „Lagerdenken“ kommt, verstört. Dass sich das gesellschaftliche Klima verändert hat, steht außer Frage, doch damit ist nicht alles gesagt: Hier setzt seine psychologische Analyse an.

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Trotzdem, oder: The Eddy

Eine Serie über einen Jazz-Club, ohne Filmmusik. Musik machen hier nur die Musiker*innen, die man sehen kann, und die Stadt, in der alles spielt: Paris. Und es ist nicht das Postkartenparis und auch keine romantische Musik, ganz und gar nicht. Was außergewöhnlich ist für eine amerikanische Produktion. Dieses Paris ist das extrem beengte, nervige, beunruhigend vitale, arme, raue, brutale Straßenparis und die Musik ist die der allgegenwärtigen Baustellen, überlaufenen Bahnhöfe, klapprigen Metros, der Seitenstraßen und Banlieues voller schreiender Motorroller, jaulender Polizeisirenen, unentrinnbarem Geplapper auf den Straßen und Plätzen, Fluglärm von oben und Bassdröhnen aus dem Souterrain. Ein kraftraubender Ort, einer, dem man gewachsen sein muss – aber wer ist das schon?

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