Trotzdem, oder: The Eddy

Eine Serie über einen Jazz-Club, ohne Filmmusik. Musik machen hier nur die Musiker*innen, die man sehen kann, und die Stadt, in der alles spielt: Paris. Und es ist nicht das Postkartenparis und auch keine romantische Musik, ganz und gar nicht. Was außergewöhnlich ist für eine amerikanische Produktion. Dieses Paris ist das extrem beengte, nervige, beunruhigend vitale, arme, raue, brutale Straßenparis und die Musik ist die der allgegenwärtigen Baustellen, überlaufenen Bahnhöfe, klapprigen Metros, der Seitenstraßen und Banlieues voller schreiender Motorroller, jaulender Polizeisirenen, unentrinnbarem Geplapper auf den Straßen und Plätzen, Fluglärm von oben und Bassdröhnen aus dem Souterrain. Ein kraftraubender Ort, einer, dem man gewachsen sein muss – aber wer ist das schon?

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CORONA: Das ist alles – nur nicht das, was es ist.

Warum die Rechte mit der Pandemie nicht klarkommt.

Berlin, Charité, März 2020

Was man nicht alles zugespült bekommt, zusammen mit den unvermeidlichen Nachrichten über die Corona-Pandemie: „Alles eine gigantische Verschwörung“, „Die wahren Ursachen werden wir nie erfahren“, „verdeckter Staatsstreich“ oder gar „Die Epidemie gibt es gar nicht“. Das sind nur einige wenige der kursierenden Meinungen, Videos, Interviews usw. Abenteuerliche Erfindungen, altbekannte Halbwahrheiten, Verdrehungen, Umdeutungen, wie man sie im Prinzip kennt, nur befinden sich viele noch offensichtlicher abseits der greifbaren Realität und der schlichten Einsicht ins Tatsächliche als sonst. Der Übergang zur normalen Diskussion von Meinungen und Sichtweisen in pluralen Gesellschaften ist dabei fließend. Die meisten von ihnen kommen aus und schlagen Wellen besonders im politisch rechten Spektrum. Warum?

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Was uns kenianische Paviane über Jahrtausende der Gewalt zwischen Menschen sagen können

Wie viel Pavian steckt im Menschen? Man muss in der Hierarchie der biologischen Systematik ziemlich weit nach unten scrollen, um auf die Stelle zu stoßen, ab der unsere Gemeinsamkeiten enden: die Teilordnung „Altweltaffe“. Paviane und Menschen sind beides Altweltaffen. Weiter unten in der Systematik kommen nur noch zwei Obergruppen, „Familie“ und „Gattung“, die bei Pavianen anders lauten als bei uns. Doch die vorangestellten gemeinsamen Zugehörigkeiten und die daraus ersehbare Jahrmilliarden dauernde gemeinsame – nein, identische – Evolutionsgeschichte lassen schon erahnen, dass uns mehr verbindet, als dass wir an verschiedenen Ecken derselben Straße wohnen.

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Ray Donovan – das Innere nach außen

Wieder eine US-Serie, die einen um den Schlaf bringt – diesmal aber nicht nur, weil sie spannend ist.

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Ray Donovan (Liev Schreiber) ist kein Mann, der gern redet. Jedenfalls nicht mit Worten. Nicht, dass er gar nicht redet, aber wenn, dann ungern und kurz angebunden, nur weil die Situation es verlangt. In den „besseren Kreisen“ von L. A. wird ohnehin viel zu viel Bullshit gequatscht, da kann man schon verstehen, wenn einer da nicht mitmachen will. Aber Verachtung für die Egomanen, die Gierigen, Halt- und Rücksichtslosen ist nur ein Grund für Ray, sparsam mit Worten umzugehen. Schließlich lebt er von ihren Eskapaden, ihren Fehltritten und auch ihren Verbrechen. Er ist ein „Fixer“. Er bringt Sachen wieder in Ordnung. Und er ist sehr gut. Er ist cool. Frauen werfen sich ihm an den Hals, und nur selten weist er sie zurück. Er verdient viel, sehr viel Geld. Weiterlesen

Trump: Invasion of the Body Snatchers

Immer wieder wundern wir uns über die Abstrusitäten, mit denen Trump und seine „Bewegung“ die Welt konfrontieren, übersehen dabei jedoch, was es damit wirklich auf sich hat. Bis wir genauso sind wie sie.

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Tea Party & co

Die sogenannte „Tea-Party“ ist nicht einfach eine politische Strömung der republikanischen Partei, sie ist eine Sekte. Sie bereitete den traditionellen, „vernünftigen“ Republikanern von Anfang an Bauchschmerzen, weil sie nicht nur extreme, sondern irrationale, unsinnige Forderungen und Positionen vertrat. Doch wurde sie „unerklärlicherweise“ immer stärker, und nun hat sie zusammen mit alt right, der nationalistisch-extremistischen Rechten, fürs erste sogar die Macht übernommen. Ein Anführer von außen hat die Tea Party, alt right, fundamentalistische Strömungen und faktisch auch gleich die ganze, alte republikanische Partei an sich gerissen, sich an ihre Spitze gestellt, und nun hat die Sekte einen Sektenführer. Weiterlesen

Menschenfreundlichkeit aus der Rechnerfarm

Ratatouille, WALL.E, Toy Story, Findet Nemo, Monster AG, Merida und Oben sind eine humanistische Bibliothek für kleine und große Menschen.

Nein, ich habe nicht alle Pixar-Filme gesehen, aber bis auf die letzten drei, vier fast alle. Was je nach Standpunkt auffällig oder verdächtig ist, denn schon als der erste Pixar-Kinofilm erschien (Toy Story, 1995), war ich lange kein Kind mehr. Mein eigenes Kind erschien zwar im selben Jahr, doch bis ich mit ihm zusammen ins Kino ging, dauerte es noch mindestens bis zu Toy Story 2 (1999) oder Die Monster AG (2001). Und wenige Pixar-Filme später war die Zeit der gemeinsamen Besuche im Kinderkino auch schon wieder vorbei. Cars war wohl der letzte Pixar-Film, den wir zusammen ansahen. Ich habe mir die Filme also meistens ohne kindliche Begleitung (oder Rechtfertigung) angesehen, teils im Kino, teils auf DVD oder im Fernsehen.

Für viele sind die Animationsfilme aus dem Pixar-Studio Kinderfilme, für die meisten eher Familienfilme. Für mich sind sie – nicht alle, aber fast alle – große, humanistische Kunst. Und bewundernswertes, erfinderisches Erzählerhandwerk. Weiterlesen

Hiromi. Eine Hymne auf das Ungestüm

Während eines Interviews für den Hersteller ihres wichtigsten Werkzeugs macht Hiromi Uehara, als sie über klassische Musik spricht, mit beiden Armen eine weit ausladende Geste. Die klassischen Komponisten seien es, welche das Klavier in seinen ganzen Möglichkeiten ausschöpften. Diese Geste ist es, die nun ihre eigene Musik auszeichnet – sie will alles, will sich von nichts einschränken lassen, nicht von geschmacklichen, traditionellen, technischen und schon gar nicht spieltechnischen Grenzen. Sie will das ganze Spektrum des musikalischen Ausdrucks ausschöpfen in aller Breite und seiner ganzen Tiefe, es sogar noch ausweiten ins Unbekannte. Und zwar in beinahe jedem ihrer Stücke, immer, alles. Weiterlesen

Nur ein Bild

zum besseren Betrachten bitte anklicken
Zum genaueren Betrachten bitte anklicken. Quelle: National Gallery, London

 

Es ist früh am Morgen, der Kaffee ist bereit, seine Treibladung zu zünden, die ersten Mails fliegen ein. Darunter, wie jeden Tag, ein Bild. Quasi im Abo bekomme ich jeden Morgen eine kleine Reproduktion eines Gemäldes geschickt, irgendetwas aus der Kunstgeschichte dieser Erde, eine liebgewonnene Gewohnheit ist es mir so geworden, morgens mit als erstes einen Blick auf Kunst zu werfen. Und dann das. Ich kenne das Bild, schon seit langer Zeit. Schon damals, ich muss noch Schüler oder Student gewesen sein, hat es mich geflasht. Jetzt ist es wieder da. Viel ist geschehen auf der Welt, seit damals. Und noch immer brennt mir das Bild im Gemüt, wenn ich es ansehe, es brennt und wärmt zugleich, begeistert und erschreckt. Dabei ist es ein echt ödes Bild, eine kleine Holztafel mit Farbe darauf, viel passiert da nicht, eigentlich gar nichts. Da sitzt einer und liest. Drumherum nichts, ein Haus, ein großer Innenraum vielmehr, ein Löwe schlendert entspannt da herum, ungewöhnlich, aber überhaupt nicht dramatisch, der Kerl, der liest, lässt sich davon nicht stören. Vögel flattern an den glaslosen Fenstern, draußen Italien, der warme Sommerwind durchweht das Haus, man möchte sich einfach ein kühles Getränk mixen und vielleicht ein bisschen den zahmen Löwen kraulen. Oder sich ebenfalls eins der Bücher schnappen und lesen. Und den Löwen kraulen. Weiterlesen