Ein Mörder Roman

Mein neuer Roman ist jetzt vorbestellbar und erscheint Mitte Mai. „Das Wunder von Runxendorf“ spielt in einem saarländischen Dorf während der Fußball-WM 1974. Erzähler der Geschichte ist ein Mörder.

„Es ist eine wahre Geschichte. So wie ich sie erzähle, genau so ist sie gewesen. Bereit? Na, dann fang ich mal an.“

Aufgewachsen bin ich im Saarland der sechziger, siebziger und achtziger Jahre. Darüber, was das Leben im katholisch-dörflichen Umfeld jener Zeit bedeuten konnte, hatte ich bisher nur schlaglichtartig in wenigen Kurzgeschichten geschrieben. Ich wollte aber auch einmal mit weiterem Blick bestimmte Zusammenhänge darstellen. Dafür fehlte eine größere Erzählung, ein „Plot“, der zuspitzt, aber beispielhaft stehen kann. Also tat ich, was Geschichtenerzähler eben tun: Ich erfand einen.

Weiterlesen

Wer’s glaubt

Zur März-Lesebühne war ich Themenbeauftragter und hatte obiges Thema gelost. Da mich zu dieser Zeit die Frage des Wissens beschäftigte, schrieb ich einen Essay.

Zuerst speichern Sie bitte folgendes ab: Dies ist ein Essay. Ich hatte überlegt, den Text „wilde Spekulation“ zu taggen, aber „Essay“ klingt viel glaubwürdiger. Jetzt kann’s losgehen:

„Niemand würde am Ende des neunzehnten Jahrhunderts geglaubt haben, dass diese Welt aufmerksam und sehr genau beobachtet wurde von Intelligenzen größer als die des Menschen und doch so sterblich wie er selbst; dass die Menschen untersucht und studiert wurden, während sie ihren alltäglichen Angelegenheiten nachgingen, ähnlich genau wie ein Mensch die kurzlebigen Organismen, die in einem Wassertropfen umherschwirren und sich vermehren, mit einem Mikroskop studiert.“

So beginnt „Der Krieg der Welten“ von H.G. Wells. Und schon in diesem kurzen Absatz ist fast alles enthalten, womit sich der folgende Text befassen soll: Glauben, Wissen, Neugier, Angst. Fehlt noch: Gesellschaft. Aber ganz fehlt sie hier auch nicht. Zum Beispiel ging gerade „Krieg der Welten“ in die Geschichte ein, indem Orson Welles ein Hörspiel daraus machte, als praktisch jeder in den USA ein Radio und noch niemand ein Fernsehgerät hatte. Sein Umgang mit dem Stoff und mit dem Medium führte dazu, dass viele Hörer tatsächlich glaubten, Marsianer griffen die Erde jetzt, in diesem Moment an, wo sie in ihrer Guten Stube mit der Familie am Gerät saßen, und ihr letztes Stündlein habe geschlagen. Sie waren so überzeugt davon, dass manche bewaffnete Trupps bildeten und in die Nacht hinaus zogen, um gegen Marsmenschen zu kämpfen.

Weiterlesen

Die Party ist vorbei

So wie es bei den Bedingungen öffentlicher und politischer Debatten ein „vor Social Media“ und ein „seitdem“ gab, gibt es nun in Bezug auf die sozialen Netzwerke ein „vor dem Sturm aufs Capitol“ und ein danach.

Der Sturm von monate- ja jahrelang mit pausen- und zügelloser Propaganda aufgepeitschter Trump-Anhänger auf das Capitol in Washington am vergangenen Mittwoch ist ein Wendepunkt mit tiefgreifenden Konsequenzen. Unübersehbar trat nun zutage, dass der öffentliche Diskurs entgleist ist wie ein Hochgeschwindigkeitszug bei voller Fahrt. Und es trat auch für die letzten Beobachter sichtbar zutage, dass dies an den Umständen des Diskurses liegt, die durch die sozialen Netzwerke in die Welt gekommen sind.

Weiterlesen

infiziert

Was denkst du gerade?
Was willst du von mir?
Reiche ich dir nicht mehr?
Ich stelle nur Fragen.

Muss ich?
Hatten wir das nicht schon?
Machst du es dir nicht zu einfach?
Selber denken!

Hast es wieder vergessen.
Du bist spät gekommen heute Nacht.
Über mich lachst du.
Zufall?

Bist du nicht längst woanders?
Kriegst du überhaupt noch was mit?
Warum ich sauer bin?
Wach auf!

Was denkst du gerade?
Was willst du von mir?
Reiche ich dir nicht mehr?
Ich stelle nur Fragen.

© Michael Wäser, 2020

Das gespaltene Land

Sein Buch „Der Gefühlsstau“ machte Hans-Joachim Maaz bekannt. Erstmals nach der Wende beschrieb darin ein Psychologe aus der ehemaligen DDR die psychische Verfassung der Ostdeutschen im vereinten Deutschland und deren Ursachen im DDR-Leben. Nun schreibt er über die Gesamtdeutschen, die sich nicht einig werden, und wie er persönlich an ihnen verzweifelt.

Versteher

In den letzten Jahren sah sich Maaz immer wieder mit Vorwürfen konfrontiert, „rechts“ zu sein, ein „AfD-Versteher“. Darauf geht er gleich im Vorwort zu seinem neuen Buch ein und erzählt ganz persönlich, wie anders er sich doch selbst versteht und wie ihn das Klima, aus dem dieses neue „Lagerdenken“ kommt, verstört. Dass sich das gesellschaftliche Klima verändert hat, steht außer Frage, doch damit ist nicht alles gesagt: Hier setzt seine psychologische Analyse an.

Weiterlesen

Trotzdem, oder: The Eddy

Eine Serie über einen Jazz-Club, ohne Filmmusik. Musik machen hier nur die Musiker*innen, die man sehen kann, und die Stadt, in der alles spielt: Paris. Und es ist nicht das Postkartenparis und auch keine romantische Musik, ganz und gar nicht. Was außergewöhnlich ist für eine amerikanische Produktion. Dieses Paris ist das extrem beengte, nervige, beunruhigend vitale, arme, raue, brutale Straßenparis und die Musik ist die der allgegenwärtigen Baustellen, überlaufenen Bahnhöfe, klapprigen Metros, der Seitenstraßen und Banlieues voller schreiender Motorroller, jaulender Polizeisirenen, unentrinnbarem Geplapper auf den Straßen und Plätzen, Fluglärm von oben und Bassdröhnen aus dem Souterrain. Ein kraftraubender Ort, einer, dem man gewachsen sein muss – aber wer ist das schon?

Weiterlesen

CORONA: Das ist alles – nur nicht das, was es ist.

Warum die Rechte mit der Pandemie nicht klarkommt.

Berlin, Charité, März 2020

Was man nicht alles zugespült bekommt, zusammen mit den unvermeidlichen Nachrichten über die Corona-Pandemie: „Alles eine gigantische Verschwörung“, „Die wahren Ursachen werden wir nie erfahren“, „verdeckter Staatsstreich“ oder gar „Die Epidemie gibt es gar nicht“. Das sind nur einige wenige der kursierenden Meinungen, Videos, Interviews usw. Abenteuerliche Erfindungen, altbekannte Halbwahrheiten, Verdrehungen, Umdeutungen, wie man sie im Prinzip kennt, nur befinden sich viele noch offensichtlicher abseits der greifbaren Realität und der schlichten Einsicht ins Tatsächliche als sonst. Der Übergang zur normalen Diskussion von Meinungen und Sichtweisen in pluralen Gesellschaften ist dabei fließend. Die meisten von ihnen kommen aus und schlagen Wellen besonders im politisch rechten Spektrum. Warum?

Weiterlesen

Die ersten 37 Minuten heute

März 2020

Ich habe meine Bettdecke mit der linken Hand berührt, sie zurückgeschlagen und mich aufgesetzt, als der Wecker und das Smartphone piepten. Dabei habe ich das Bettlaken mit der rechten Hand berührt.

Ich habe mit der rechten Hand den Schalter meiner Nachttischlampe berührt und sie angeschaltet.

Ich habe meine Brille auf dem Nachttisch mit der rechten Hand berührt, sie genommen und aufgesetzt.

Ich habe die Aus-Taste meines Weckers mit dem rechten Zeigefinger berührt, um den Weckton auszuschalten.

Ich habe mein Smartphone mit der rechten Hand berührt, es genommen und das Display mit dem linken Zeigefinger berührt, um den Weckton und den Flugmodus auszuschalten.

Danach habe ich das Smartphone mit der rechten Hand auf mein Kopfkissen fallen lassen, ohne das Kopfkissen mit der Hand zu berühren.

Weiterlesen