Ein Mörder Roman

Mein neuer Roman ist jetzt vorbestellbar und erscheint Mitte Mai. „Das Wunder von Runxendorf“ spielt in einem saarländischen Dorf während der Fußball-WM 1974. Erzähler der Geschichte ist ein Mörder.

„Es ist eine wahre Geschichte. So wie ich sie erzähle, genau so ist sie gewesen. Bereit? Na, dann fang ich mal an.“

Aufgewachsen bin ich im Saarland der sechziger, siebziger und achtziger Jahre. Darüber, was das Leben im katholisch-dörflichen Umfeld jener Zeit bedeuten konnte, hatte ich bisher nur schlaglichtartig in wenigen Kurzgeschichten geschrieben. Ich wollte aber auch einmal mit weiterem Blick bestimmte Zusammenhänge darstellen. Dafür fehlte eine größere Erzählung, ein „Plot“, der zuspitzt, aber beispielhaft stehen kann. Also tat ich, was Geschichtenerzähler eben tun: Ich erfand einen.

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Überleben. Buchstäblich.

Einige krasse Gedanken, die ich mir bis vor einem Jahr nie hätte vorstellen können, tatsächlich zu denken

Als die Pandemie in Deutschland die ersten allgemeinen Konsequenzen hatte, staunte ich über Anblicke, Erlebnisse und Maßnahmen, die ich noch nie selbst gesehen und erlebt hatte, wahrscheinlich wie die meisten Menschen hier. Es war nicht einfach, ging nicht automatisch, die Dimension zu erkennen, oder überhaupt damit zu beginnen, die Dimension zu erkennen, dessen, was sich da gerade auszubreiten begann. Und die unsichere Frage im Kopf: Ist das alles nicht etwas übertrieben? Damit meine ich nicht (nur) die Infektionslage, sondern alle Konsequenzen, die sich aus ihr ergaben, ob zwangsläufig oder durch Entscheidungen und Handlungen herbeigeführt. Beides entwickelt sich ja seither stetig weiter, täglich verändert sich die Lage, die Stimmung, das Befinden, der Ausblick.

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Mittelalter! Im Ernst?

Pandemie. Nicht mehr auszuhalten! Schon lange! Und dieselben Fehler werden immer wieder gemacht! Dabei gibt es Lösungen! Sagen wir, die es nicht mehr aushalten, dass sie tatsächlich immer noch nicht vorbei ist.

Während ich dies schreibe, läuft in einem separierten, immer sichtbaren extra Fensterchen meines Browsers (smart, Firefox!) die Startvorbereitung der Falcon 9 und der vier Astronaut*innen auf der spaceX-Rampe im live-stream. SpaceX, eines dieser disruptiven Technologieunternehmen, die uns immer wieder zeigen, dass unmöglich (oder gar nicht) geglaubte Dinge möglich sind, wenn man sie nur auf smarte Art angeht. Wenn irgendwas sich (wieder) in unser Bewusstsein im 21. Jahrhundert eingegraben hat, dann ist es dieses Verständnis von Fortschritt. Und als Gegenpol spätestens seit dem 11. September am Beginn desselben Jahrtausends das mittelalterliche Denken der Fundamentalisten.

Mittelalterlicher Alexanderplatz
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Wer’s glaubt

Zur März-Lesebühne war ich Themenbeauftragter und hatte obiges Thema gelost. Da mich zu dieser Zeit die Frage des Wissens beschäftigte, schrieb ich einen Essay.

Zuerst speichern Sie bitte folgendes ab: Dies ist ein Essay. Ich hatte überlegt, den Text „wilde Spekulation“ zu taggen, aber „Essay“ klingt viel glaubwürdiger. Jetzt kann’s losgehen:

„Niemand würde am Ende des neunzehnten Jahrhunderts geglaubt haben, dass diese Welt aufmerksam und sehr genau beobachtet wurde von Intelligenzen größer als die des Menschen und doch so sterblich wie er selbst; dass die Menschen untersucht und studiert wurden, während sie ihren alltäglichen Angelegenheiten nachgingen, ähnlich genau wie ein Mensch die kurzlebigen Organismen, die in einem Wassertropfen umherschwirren und sich vermehren, mit einem Mikroskop studiert.“

So beginnt „Der Krieg der Welten“ von H.G. Wells. Und schon in diesem kurzen Absatz ist fast alles enthalten, womit sich der folgende Text befassen soll: Glauben, Wissen, Neugier, Angst. Fehlt noch: Gesellschaft. Aber ganz fehlt sie hier auch nicht. Zum Beispiel ging gerade „Krieg der Welten“ in die Geschichte ein, indem Orson Welles ein Hörspiel daraus machte, als praktisch jeder in den USA ein Radio und noch niemand ein Fernsehgerät hatte. Sein Umgang mit dem Stoff und mit dem Medium führte dazu, dass viele Hörer tatsächlich glaubten, Marsianer griffen die Erde jetzt, in diesem Moment an, wo sie in ihrer Guten Stube mit der Familie am Gerät saßen, und ihr letztes Stündlein habe geschlagen. Sie waren so überzeugt davon, dass manche bewaffnete Trupps bildeten und in die Nacht hinaus zogen, um gegen Marsmenschen zu kämpfen.

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Die Party ist vorbei

So wie es bei den Bedingungen öffentlicher und politischer Debatten ein „vor Social Media“ und ein „seitdem“ gab, gibt es nun in Bezug auf die sozialen Netzwerke ein „vor dem Sturm aufs Capitol“ und ein danach.

Der Sturm von monate- ja jahrelang mit pausen- und zügelloser Propaganda aufgepeitschter Trump-Anhänger auf das Capitol in Washington am vergangenen Mittwoch ist ein Wendepunkt mit tiefgreifenden Konsequenzen. Unübersehbar trat nun zutage, dass der öffentliche Diskurs entgleist ist wie ein Hochgeschwindigkeitszug bei voller Fahrt. Und es trat auch für die letzten Beobachter sichtbar zutage, dass dies an den Umständen des Diskurses liegt, die durch die sozialen Netzwerke in die Welt gekommen sind.

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infiziert

Was denkst du gerade?
Was willst du von mir?
Reiche ich dir nicht mehr?
Ich stelle nur Fragen.

Muss ich?
Hatten wir das nicht schon?
Machst du es dir nicht zu einfach?
Selber denken!

Hast es wieder vergessen.
Du bist spät gekommen heute Nacht.
Über mich lachst du.
Zufall?

Bist du nicht längst woanders?
Kriegst du überhaupt noch was mit?
Warum ich sauer bin?
Wach auf!

Was denkst du gerade?
Was willst du von mir?
Reiche ich dir nicht mehr?
Ich stelle nur Fragen.

© Michael Wäser, 2020

Das gespaltene Land

Sein Buch „Der Gefühlsstau“ machte Hans-Joachim Maaz bekannt. Erstmals nach der Wende beschrieb darin ein Psychologe aus der ehemaligen DDR die psychische Verfassung der Ostdeutschen im vereinten Deutschland und deren Ursachen im DDR-Leben. Nun schreibt er über die Gesamtdeutschen, die sich nicht einig werden, und wie er persönlich an ihnen verzweifelt.

Versteher

In den letzten Jahren sah sich Maaz immer wieder mit Vorwürfen konfrontiert, „rechts“ zu sein, ein „AfD-Versteher“. Darauf geht er gleich im Vorwort zu seinem neuen Buch ein und erzählt ganz persönlich, wie anders er sich doch selbst versteht und wie ihn das Klima, aus dem dieses neue „Lagerdenken“ kommt, verstört. Dass sich das gesellschaftliche Klima verändert hat, steht außer Frage, doch damit ist nicht alles gesagt: Hier setzt seine psychologische Analyse an.

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Trotzdem, oder: The Eddy

Eine Serie über einen Jazz-Club, ohne Filmmusik. Musik machen hier nur die Musiker*innen, die man sehen kann, und die Stadt, in der alles spielt: Paris. Und es ist nicht das Postkartenparis und auch keine romantische Musik, ganz und gar nicht. Was außergewöhnlich ist für eine amerikanische Produktion. Dieses Paris ist das extrem beengte, nervige, beunruhigend vitale, arme, raue, brutale Straßenparis und die Musik ist die der allgegenwärtigen Baustellen, überlaufenen Bahnhöfe, klapprigen Metros, der Seitenstraßen und Banlieues voller schreiender Motorroller, jaulender Polizeisirenen, unentrinnbarem Geplapper auf den Straßen und Plätzen, Fluglärm von oben und Bassdröhnen aus dem Souterrain. Ein kraftraubender Ort, einer, dem man gewachsen sein muss – aber wer ist das schon?

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