Familie Fisch dreht noch ne Runde

Irgendwann würde Hempel fliegen, das wusste Carla ganz genau. Hempel war das allerschönste und liebste Huhn von allen Hühnern der Familie Fisch, fand jedenfalls das Mädchen, und deshalb hatte Carla ihm auch einen Namen gegeben. Sie wusste nicht, ob Hempel ein Hahn oder eine Henne war. „Das kann man bei Hüh­nern erst später erkennen“, sagte Carlas Mutter immer. „Aber fliegen können diese Hühner nicht.“ Wenn man erst viele Wochen nach dem Schlüpfen sehen konnte, ob Hempel eine Henne oder ein Hahn war, warum sollte das Tier irgendwann nicht auch fliegen können?

Ab sofort im Buchhandel

So beginnt „Familie Fisch macht Urlaub“, und Hempel wird in dieser Geschichte noch für eine Menge Wirbel sorgen. Mein Roman über die abenteuerlich-absurde Flucht einer Großfamilie aus der DDR in die BRD unmittelbar vor der Abriegelung des 13. August 1961 erschien erstmals im 50. Jahr nach dem Mauerbau. Nun, im 30. Jahr nach dem Mauerfall, kehrt er zurück in einer wunderschönen Neuausgabe beim Verlag Axel Dielmann, Frankfurt, der bereits „In uns ist Licht“ allerschönst ans Licht der Welt gebracht hat. Ab sofort können Sie das Buch überall im Handel bestellen.

Premiere in Moabit:
Die Neuausgabe feiert ihre öffentliche Premiere bei einer Lesung der Reihe „Literatur in Zeiten des Wandels“ vom Autorenkreis der Bundesrepublik. Am 29. Oktober um 19.30 Uhr lese ich aus „Familie Fisch“ und „In uns ist Licht“ und freue mich besonders auf meine geschätze Kollegin Sabine Lange, die u.a. aus ihrem bewegenden Roman „Schlüsselbund“ liest. Der ist eigentlich vergriffen, aber dort können Sie noch Exemplare ergattern, natürlich auch meine eigenen Romane.

  • LESUNG 29. Oktober: Studio 22, Levetzowstr. 22. 10555 Berlin–Moabit, 19.30 Uhr, Eintritt frei
  • Familie Fisch macht Urlaub, Roman, Hardcover mit Lesebändchen, 232 S, 20,- €, ISBN: 978-3866382916
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Adagio for Mona Mu

Kurzgeschichte von Michael Wäser (Coverversion in Anlehnung an „Mona Mu“ von Frank Georg Schlosser, anlässlich des zehnjährigen Jubiläums der Offenen Lesebühne So noch nie)

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Hallo? Ich glaub ich spinne! Echt jetzt? Haaalooo! Nee! Das gibt‘s doch nicht – Halloooo, hallööchen! Nicht zu fassen! Könntest du vielleicht mal kurz aus deinem Selbstmitleids-Panik-Flash aussteigen und dich für ein Momentchen der Wirklichkeit zuwenden – mir zuwenden, zum Beispiel? Hä? Arschloch?!? Hey! Ich bin‘s immerhin, der blutend auf deinem Küchenboden rumliegt! Berechtigt mich das nicht zu einer geringfügig höheren Aufmerksamkeit deinerseits als deine kaputte Besteckschublade? Oder die Zimmerdecke, die du seit Minuten anstarrst? Nein? Nicht? Oder die saublöde Pistole, die du dazwischen immer wieder anguckst als wär‘ sie gerade erst aus einem anderen Universum in deiner Hand aufgetaucht, und zwar jedes Mal von Neuem? Was ist daran verdammt nochmal so spannend? Ich liege ein paar Schritte neben dir, Kumpel! Ich blute!  Weiterlesen

Oeverdings Sammlung – Kurzgeschichte

Die Nacht war kalt, die Luft trocken. Ich fahre nicht gerne auf nassen Straßen, wenn die Lichter sich an den Schlieren auf der Windschutzscheibe in unzählige Farben brechen. Farben lenken mich ab. Aber diese Gefahr bestand nicht. Ich machte diese unregelmäßigen Nachtdienste bei der ärztlichen Bereitschaft schon seit vielen Jahren. Jüngere Kollegen schauten mich schräg an, weil ich mir das noch zumutete, aber es ist für einen Allgemeinmediziner in der Großstadt eine der wenigen Möglichkeiten, Hausbesuche zu machen und trotzdem jedes Mal einen neuen Fall vor sich zu haben.

Über meine Einsätze führe ich Buch. Damit meine ich nicht den Papierkram, der nun mal dazugehört, sondern meine eigenen Aufzeichnungen. Seit meinem ersten Einsatz habe ich jeden einzelnen in ein Notizbuch eingetragen. Ein paar Stichworte, ohne Namen und Adressen, vielleicht eine Zeichnung, ein paar Gedanken zu dem Fall, der Wohnung, der Straße. Ich benutze dafür Skizzenbücher, unliniert, mit festem Einband und kräftigem Papier. Bleistifte. Federhalter. Das kommt vielleicht daher, dass ich früher mal Künstler werden wollte und ein paar Semester lang auf die hiesige Akademie ging. Das ist lange her.

Als die Meldung in dieser Nacht hereinkam, zog sich sofort etwas in meinem Nacken zusammen. Noch bevor sich meine Erinnerung regte, reagierte mein Organismus. Ich kannte den Namen von früher, und der Adresse nach wohnte dieser Mann noch in demselben Stadtteil wie damals, hatte dort vielleicht seine ganze Existenz verbracht. Damals, als ich glaubte, ein großer Maler werden zu können. Ich sah noch einmal auf die Meldung. Auch sein Alter mochte stimmen. Er musste alle anderen Professoren von damals überlebt haben. Weiterlesen

Rätselhafte Bilder aus der Vergangenheit

lichtEs ist soweit: Mein neuer Roman ist erschienen. Es hat ein Weilchen gedauert, aber mit dem Verlag Axel Dielmann aus Frankfurt und seinem engagierten Verleger kamen am Ende die Richtigen zusammen: Autor, Manuskript, Verlag – Roman.

Worum geht es in „In uns ist Licht“?

Es geht um ein geheimes Liebespaar im 19. Jahrhundert, einen Mord und um drei Menschen der Gegenwart, die seine Spuren verfolgen und sich ungeahnten Herausforderungen stellen müssen. Es geht um Paris und Berlin. Es geht um Bilder aus Porzellan. Es geht um das Verlangen nach Würde und Freiheit und um seine Unterdrückung. Es geht um Liebende, Künstler und Neugierige, um Aufklärung und Ernüchterung.

Der Verlag schreibt dazu:
„Die Wucht des Verliebtseins, die Härten der Heimatlosigkeit, die Macht von Freundschaften und Empathie sind Michael Wäsers große Themen – er berührt mit seinem Erzählen, weil er die Gefährdung all dessen ständig ergreifend mit erzählt.“

Der Roman ist als wunderschöne, fadengeheftete Hardcover-Ausgabe von 280 Seiten mit Lesebändchen überall im Buchhandel erhältlich (Mein Tipp: unterstützen Sie Ihre lokale Buchhandlung oder bestellen Sie autorenfreundlich online hier , Preis: 20 Euro.

Unfisch


Was suchen wir hier? Herrgottsakrament, was? Fuck. Fuck.

Ich will scheißen und ich kann nicht. Ich kann schon, aber ich scheiße mir in den Anzug, wenn. Ich wär einfach irgendwo in die Büsche gesprungen, aber geht ja nicht ohne Büsche. Super. Deswegen? Deswegen etwa? Um als erwachsener Mann dazustehen und nicht scheißen zu können, wenn man scheißen muss? Deshalb? Ihr macht Witze! Ich mache Witze. All das. All das und dann steht man da und … Das war klar, von Anfang an. Aber daran denkt doch keiner, was das wirklich heißt. Oder doch? Oder doch? Vielleicht genau deshalb. Ich lach mich schlapp. Weiterlesen

Ins Wasser, tief

„Mindhunter“, „Manhunt: Unabomber“. Zwei Serien auf Netflix in der Tradition des Schillerschen Theaters.

Zwei verschiedene Streaming-Serien auf derselben Plattform, die fast denselben Titel tragen – das ist auffällig. Doch beide befassen sich mit demselben Teilbereich polizeilicher Ermittlungsarbeit, dem Profiling. „Mindhunter“ erzählt die „Erfindung“ des wissenschaftlichen FBI-Profilings bei Serienmördern ab den frühen Siebziger Jahren, „Manhunt: Unabomber“ die des linguistischen Profilings im Zuge der Suche nach dem „Unabomber“ Ted Kaczinski in den frühen Neunzigern. Beide stützen sich also auf tatsächliche Begebenheiten, beide erzählen über zehn bzw. acht Folgen hinweg eine zusammenhängende Geschichte. Beide befassen sich mit Menschen, die versuchen, ein tieferes Verständnis des Verbrechens bzw. Verbrechers zu erlangen, als es bis zu diesem Zeitpunkt vorhanden war. Auffällig ist auch, dass die Ermittler in beiden Serien gegen große Widerstände zu kämpfen haben – Widerstände ihrer Kollegen und Vorgesetzten, der ganzen Behörde und auch innere Widerstände in sich selbst. Neue Erkenntnisse, zumal wenn sie das Selbstverständnis des Menschen betreffen, hatten es nie leicht, anerkannt zu werden. Und damit ist es heraus: Es geht um das Selbstverständnis des Menschen. Weiterlesen

Down In The Hole

DSCF9423Es war noch dunkle Nacht und meine Augen brannten, als ich mich vorsichtig aus meinem Bett rollte. Das trübe glimmende Nachtlicht im Flur zeigte mir grob die Richtung an. Das reichte für meine Zwecke vollkommen. Ein paar Schritte nur. Keine zu große Anstrengung, keine übertriebene Bewegung jetzt. Meine Blase war zum Platzen voll, und da konnte jedes ungeschickte Drehen oder Beugen ein Unglück bedeuten. Entsprechend vorsichtig ließ ich mich auf die Kloschüssel nieder. Die offene Badezimmertür ließ genug von dem Nachtlicht rein, dass ich mich auch hier orientieren konnte. Ich schloss meine Augen, das Brennen ließ nach. In meinem Kopf kreiselte ein amerikanischer Blues aus dem Traum, aus dem ich gerade aufgewacht war. Way down in the hole. Musste ein seltsamer Traum gewesen sein, aber alles, was jetzt noch davon übrig war, war dieser Klagegesang eines alten, schwarzen Mannes. Irgendwie passend, dachte ich. Früher, als ich noch als junger Mann durchging, hatte meine Blase nachts problemlos durchgehalten. So ändern sich die Zeiten.
„Ich habe das gesehen!“
Die schnarrende, unangenehm helle Stimme ließ mich zusammenzucken. Fast hätte ich die Kontrolle über den entspannenden Strahl verloren. Ich öffnete die Augen. Auch wenn ich wieder und wieder blinzeln musste und noch immer nur die funzelige LED in einigen Metern Entfernung glimmte, erkannte ich ihn gleich, seine verräterische schwarze Silhouette hob sich vom gelblichen Schein im Flur deutlich ab. Der Teufel.
„Du schon wieder“, brummte ich.
„Lenk nicht ab. Ich habe es gesehen!“
Ich seufzte. „Was gesehen?“
„Na was wohl? Deine Erektion!“ Weiterlesen