Mein Werwolf. Lesen einer Fährte

Ein Essay über Angst, Männer und die zerstörerische Kraft des Verschweigens.

Dies ist ein recht langer Essay. Ich empfehle, möglichst die „Leseansicht“ Ihres Browsers zu verwenden.

Ein US-Straßenkreuzer fährt nachts eine Tankstelle an. Während sich das schaukelnde 70er-Jahre-Ungetüm der Zapfsäule nähert, wird auf dem Dach der Limousine kauernd eine Gestalt erkennbar. Es ist ein Wesen mit menschlichem Körper in einem Smoking, aber mit behaarten Füßen, Klauen und einem gänzlich behaarten Wolfsgesicht mit mörderischen Fangzähnen. Es wartet ab, bis die Fahrerin des Wagens aussteigt und stürzt sich dann, als sie es bemerkt und schreiend im Tankwarthäuschen Schutz suchen will, auf sie. Schnitt.

Der Film „Der Werwolf von Washington“ von 1973 wurde am 4. Mai 1977 im Deutschen Fernsehen im Spätprogramm gesendet und ist ein eher untypisches Beispiel für das kritische, politische, junge US-Kino der damaligen Epoche. Und er machte mir, dem es irgendwie passiert war, viel zu spät in genau dieser Mittwochnacht vor dem einzigen Fernsehgerät im Haus zu sitzen, ein unbeabsichtigtes Geschenk. Er schenkte mir die Angstfigur, die augenblicklich alle bisherigen aus meiner Psyche verjagte und für die nächsten fast dreißig Jahre die Herrschaft über meine Amygdala, mein neuronales Angstzentrum, übernahm und weit, sehr weit darüber hinaus.

Ich habe diesen Text nicht mit jenem Ereignis begonnen, weil es vorher keine Werwölfe gegeben hätte, in Sagen, Geschichten oder Filmen – die gibt es schon seit Jahrtausenden – , sondern weil die Begegnung mit diesem eher kleinen, eher menschlichen Werwolf auf dem kümmerlichen TV-Bildschirm meine erste Begegnung mit dem Wolfsmenschen war und weil es mir hier nur am Rande um die Historie dieser Sagengestalt geht. Doch lässt sich beides auch nicht trennen. Wenn ich mich richtig erinnere, saß ich in jener Nacht nicht allein vor dem Fernseher in der „guten Stube“. Auf seinem Stammplatz, dem Sofa, lag mein Vater und schaute ebenfalls dabei zu, wie der Wolfsmensch ein Opfer nach dem anderen zerriss. (Der Hauptdarsteller, Dean Stockwell, das erkenne ich jetzt beim Wiederansehen des Films, sah ihm sogar ähnlich.) Dass der Werwolf mich von dieser Nacht an bis weit ins Erwachsenenalter immer wieder bis fast zum Wahnsinn verängstigen, mir den Schlaf rauben, mich nachts panisch vor Angst auf dem Fahrrad durch den Wald hetzen lassen und für viele Jahre meine Beziehungen zu anderen Menschen in einen Würgegriff nehmen würde, konnte ich zu diesem Zeitpunkt nicht wissen, und das war, wenn man es überhaupt so nennen kann, wirklich gut so. Lange Zeit konnte ich mir auch nicht erklären, warum ich von gerade diesem Monstrum so hartnäckig verfolgt wurde. Doch beides änderte sich irgendwann, viel zu spät, aber immerhin. Und sogar erst jetzt, wo ich für diesen Text die Veröffentlichungsdaten des Films recherchiere, erkenne ich staunend, aber dann doch wenig überrascht, dass ich zwölf Jahre alt war, als er gesendet wurde. Denn diese Lebensphase, dieses Alter und nun sogar das Datum gaben meinem ganzen Leben eine Wendung, über die ich in mehr als einem bloßen Nachsatz zu schreiben haben werde.

Bis zu der Nacht im Mai1977 hatte ich unterschiedliche Verkörperungen und Verbildlichungen meiner kindlichen Angst erlebt. Die unkonkreteste und womöglich früheste von allen war das Dunkel. Dunkelheit in der Nacht, ein dunkler Raum hinter einer offenen Tür, der dunkle Keller oder die dunkle Ecke unter der Treppe, wo die Kartoffeln geholt werden mussten. Sie jagten mir Angst ein, Schauer über den Rücken, hinderten mich, dorthin zu gehen oder Ruhe zu finden und einzuschlafen. Konkreter wurde diese Angstvorstellung erst einmal nicht, keine bestimmte Figur verband sich damit, es war bloße Angst vor der Dunkelheit. Allein war sie fast unerträglich, in Gesellschaft schwächte sie sich deutlich ab, löste sich mitunter völlig auf. Das galt auch für alle weiteren und späteren Ausformungen meiner Angst.

Es gab akustische Verkörperungen oder Auslöser. Wenn die Titelmusik des „ZDF-Magazin“ mit ihrem abschließenden kräftigen Bass-Ostinato aus dem Fernsehgerät wummerte, hielt ich mir vor Angst die Ohren zu. Wenn der Sprecher der Asbach-Uralt-Werbung den unvermeidlichen Slogan „In Asbach Uralt ist der Geist des Weines“ aussprach, verkroch ich mich hinter dem nächsten verfügbaren Sitzkissen, aus Angst vor diesem unbekannten Geist.

Umrissene Angstfiguren, also Verkörperungen, tauchten erst auf im Zusammenhang mit entsprechenden Angeboten von außen. Die frühesten dürften Märchen gewesen sein. Der Teufel, der böse Wolf, die Hexe aus den grimmschen Märchen von der Schallplatte oder aus Kindersendungen im Fernsehen waren dann angstbesetzte Figuren. Die Schallplatte „Peter und der Wolf“ konnte ich nicht allein anhören, und selbst wenn meine Geschwister oder ein Freund dabei waren, überfielen mich bei dem tiefen, bedrohlich ansteigenden Hornmotiv des „großen grauen Wolfs“ heftige Fluchtreflexe. Allein der Anblick der Illustrationen auf dem Plattencover, besser gesagt der des Wolfes, ließ mich zutiefst erschauern.

Dann gab es noch Traumgestalten: zwei gorillaähnliche Wesen, die meine Eltern, nicht ganz zutreffend, aber erkennbar, darstellten, einen bedrohlichen männlichen und einen beschützenden weiblichen. Wie gesagt, das traf die eigentliche Sachlage nicht ganz und gar. Und der riesige Saurier, der durch die Straße unserer Wohnsiedlung trampelte. Er entsprang ohne Zweifel dem Bildband „Die Welt in der wir leben“, den ich als Kind fasziniert, ausgiebig und mit Gänsehaut durchblätterte und dessen eindrucksvolle Saurier-Illustrationen ich bestaunte, auch den T-Rex, der gerade ein Opfer zerriss. Dem Traum-T-Rex begegnete ich später unerwartet wieder, in erstaunlicher Übereinstimmung zu meinem Kindheits-Alptraum, nämlich im zweiten Teil von Spielbergs „Jurassic Park“, wo eben ein Tyrannosaurus durch eine spießige Wohnsiedlung trampelt.

Sie alle, ob unkonkret oder körperhaft, ob wach oder schlafend erlebt, waren mit tiefer Angst verbunden, hatten aber außerdem noch eins gemeinsam: Sie eigneten sich bloß dazu, meine Angst irgendwie bzw. für einen Moment zu erregen oder zu verkörpern, mehr aber nicht. Sie waren nicht dauerhaft und nicht präzise. Am 4. Mai 1977 schätzungsweise gegen elf Uhr nachts änderte sich das grundlegend.

Kinder haben Angst. Sie kennen die Welt noch nicht, werden noch von ihrer Offenheit, ihrer Fantasie, ihrem intensiven emotionalen Erleben bestimmt, müssen sich von ihrem direkten Umfeld vieles abschauen, sind auf Gedeih und Verderb abhängig von ihren Eltern, und das bringt, für manche mehr, für manche weniger, auch Angst mit sich, denn sie gehört zum emotionalen Erleben. Eltern fragen ihre Kinder, wenn sie den Eindruck haben, sie sind verängstigt. Kinder klettern zu ihren Eltern ins Bett, sagen ihnen, dass sie Angst haben, schlecht geträumt haben. Sie pflegen liebevolles Vertrauen ineinander und darin finden die Kinder Geborgenheit und Schutz vor der Angst. Das ermöglicht den Kindern irgendwann, auch diese intensiven Gefühle besser zu verstehen und mit ihnen umzugehen, sich selbst nicht als hilflos ihnen gegenüber zu erleben. So sollte und kann es laufen. Bei mir, in meiner Familie, lief es nicht so. Denn die nie versiegende Quelle der Angst befand sich mitten unter uns und war auf der einen Seite umgeben und geschützt von einem Schweigegebot, auf der anderen gespeist aus Propaganda. Das Schweigen machte es unmöglich, offen über all das Angstmachende zu kommunizieren, die Propaganda befeuerte und festigte die Umstände als unabänderlich, als Gefängnis, aus dem es kein Entkommen gibt. Unmöglich für ein Kind, darin die Geborgenheit zu finden, die nötig ist, um mit Angst, um mit Gefühlen überhaupt umzugehen zu lernen, mitunter für den Rest seines Lebens.

Worüber war zu schweigen? Auch dazu finde ich bei der Recherche zu diesem Text ein aufschlussreiches Dokument. Von Lukas Cranach dem Älteren existiert ein Holzschnitt aus dem Jahr 1512 mit dem Titel „Der Werwolf“. Es zeigt einen Mann, einen Wüterich auf allen Vieren, mit zerrissenen, bäurischen Kleidern am Leib und einem schreienden Baby zwischen seinen Zähnen. Sein Blick ist irre, sein buschiger Vollbart und seine wild zerzausten Haare erinnern an den „Werwolf von Washington“. Zwei Haarsträhnen stehen überdies so vom Kopf ab, dass sie wie behaarte Tierohren wirken. Der Mann ist barfuß, hat ziemlich große Hände und Füße, die aber nur entfernt an die Klauen eines Raubtieres denken lassen. Er hat also keinerlei eindeutige Tier- oder Wolfsmerkmale. Um ihn herum liegen grausam zugerichtete Leichen, soweit erkennbar, mehrheitlich Frauen. Abgerissene Köpfe und andere Gliedmaßen, hervorquellende Eingeweide, Blut überall. Der „Werwolf“ bewegt sich weg von einem Bauernhaus, in dessen Eingangstür ein kleines Kind sich an eine verzweifelte Frau klammert, vermutlich seine Mutter, ein weiteres Kind rennt in der entgegengesetzten Richtung des Monstrums von einem Graben, wo es sich wohl versteckt hatte, zu der Frau, die vielleicht seine Mutter oder Großmutter ist. Möglicherweise gehört die Mutter der beiden aber auch zu den zerfetzten Leichen am Boden vor dem Bauernhaus, es war ja üblich, dass mehrere Generationen zusammen auf einem Bauernhof lebten. Verborgen hinter einem Holzverschlag am Haus ist neben einer Kuh ein Mann zu erkennen, der sich versteckt hat. Ein Hund läuft aufgeregt hinter dem Monster her und verbellt es. Dahinter paddelt eine Ente ruhig auf ihrem Teich herum. Der „Werwolf“ gehört mit seiner Bauerntracht offensichtlich zum Gehöft und nicht zu der herrschaftlichen Burg, die weit im Hintergrund auf einem Hügel thront. Er gehört zum Hof, vermutlich ist er der Patriarch. Und er hat alle Hofbewohner und Familienmitglieder auf dem Gewissen, ob durch körperliche oder seelische Zertrümmerung. Betrachte ich dieses Bild, sehe ich meinen Vater.

Natürlich kroch mein Vater nicht den ganzen Tag wie ein Tollwütiger auf allen Vieren durchs Haus und fraß kleine Kinder oder riss Körper in Stücke. Aber er konnte sich urplötzlich und für uns Kinder völlig unvorhersehbar in das grauenvolle Monster verwandeln. Was er anrichtete, manchmal leise und im Verborgenen, meist aber brüllend laut und mit brachialer Gewalt, kann ich nur als Gemetzel bezeichnen, als Verletzung, Zerstörung und als blindwütige Unterwerfung und Inbesitznahme seiner Frau und jedes der neun Kinder, die dem Akt des körperlichen Einverleibens sehr ähnlich ist. Er hat sich von ihnen ernährt.

Seine Überfälle, Ausfälle, Angriffe und Übergriffe alle aufzuzählen, ist weder möglich noch notwendig. Wichtig ist, dass er seine traditionelle Position als Patriarch, seine schiere körperliche Überlegenheit und das im besten Fall teilnahmslose nähere und gesellschaftliche Umfeld dazu nutzte, seinen Willen, seine Wünsche und seine Vorstellungen durchzusetzen – und sich selbst zu stärken und zu vervollständigen, „Dampf abzulassen“. Ohrfeigen, seltener Prügel, meistens Gebrüll, Demütigung, Einschüchterung gegenüber seinen Kindern wie auch seiner Frau, jahrzehntelange sexuelle Unterwerfung seiner Frau mit offener Brutalität, vermutlich auch mindestens einer seiner halbwüchsigen Töchter, die viel später, als einzige in der gesamten Verwandtschaft, an Krebs starb. (Ich schreibe „vermutlich“, weil alle, die dies und anderes verlässlich hätten aussprechen können, sich an das Gebot des Schweigens gehalten und das womöglich mit der eigenen Gesundheit und dem Leben bezahlt haben.) Wie, so drängt sich spätestens jetzt die Frage auf, wird ein ziemlich durchschnittlicher Mann zum Werwolf? Der Mythos gibt die Antwort: Der Mann wurde angegriffen. Von einem anderen Werwolf. Und er hat überlebt.

Klaus Theweleit, Alice Miller und andere haben über die Genealogie der Werwölfe geschrieben, auch wenn sie sie nur manchmal so nannten. Ich nenne diese beiden namentlich, weil ich zu ihnen eine besondere Beziehung und Bekanntschaft haben durfte, und weil sie die historisch und psychologisch grundlegendsten und bedeutendsten Erkenntnisse und Schlussfolgerungen zu diesem Thema erarbeitet haben. Miller fand die anschauliche Formel von der „Schweigemauer“, die über endlose Generationen hinweg aufrechterhalten wird und keinen anderen Zweck hat, als Täter-Eltern und unser falsch-positives Bild von ihnen zu schützen, was zu endlosen Wiederholungen der Tat führt. Theweleit untersuchte den „soldatischen Mann“, spricht von der 12000 Jahre währenden (nahezu weltweiten) Bevorzugung und Hervorbringung aggressiver, gewaltbereiter Männer durch Erziehung, Anerkennung und gewaltorientierte Praxis in Rivalität, Patriarchat, Kampf und Krieg. Was da stattgefunden hat, ist eine viele Generationen übergreifende Auswahl. Keine genetische, denn es gibt kein „Gewalt-Gen“, sondern eine epigenetische, welche sich nicht ins Genom einschreibt, aber vererbbar ist und, das ist wichtig, durch veränderte Umstände veränderbar. Außerdem fand eine psychische bzw. neurologische Prägung und Auswahl statt. „Gezüchtet“ wurde ein Typ Mann, der nur unvollständig sozialisierbar und zivilisierbar ist und dessen Ausbrüche ins sogenannte „männlich-Ursprüngliche“ gesellschaftlich immer akzeptiert, wenn nicht gar erwartet wurden. Diese Art Mann galt und gilt oft noch heute als „natürlich“. Die Vorstellung ist allerdings so falsch, wie die antrainierte Aggression eines Kampfhunds als „angeboren“ zu betrachten, und sie hat erst vor kurzem und allmählich begonnen, sich zu ändern. Eine 12000-jährige Praxis – seit der Sesshaftwerdung unserer Spezies – schüttelt man nicht einfach ab, aber „natürlich“ ist sie nie gewesen.

Werwolf. Es gibt gleich zwei soldatische oder nationalsozialistische Organisationen dieses Namens. Der „Wehrwolf“ war laut WIKIPEDIA ein Bund deutscher Männer und Frontkrieger, ein paramilitärischer Wehrverband in der Weimarer Republik und bestand vorwiegend aus Freikorps-Mitgliedern und Offizieren niederer Dienstgrade. Das sind genau die Sorte Mann, die Theweleit in seinen „Männerphantasien“ akribisch analysierte – zutiefst autoritär und antidemokratisch, gewaltverherrlichend und -bereit, getrieben von Hass gegen und Angst vor Frauen, unfähig zu kommunikativer Sexualität.

Die „Organisation Werwolf“ war (WIKIPEDIA) „eine nationalsozialistische Organisation zum Aufbau einer Untergrundbewegung am Ende des Zweiten Weltkrieges, die im September 1944 von Heinrich Himmler als Minister und Reichsführer SS gegründet wurde.“ Die „Werwölfe“ sollten in besetzten oder deutschen Gebieten, die von der Wehrmacht aufgegeben werden mussten, Anschläge gegen alliierte Truppen verüben, sich also von unauffälligen Dorfbewohnern in Bestien verwandeln, so wie es Islamisten z. B. in Afghanistan und im Irak praktizierten. Der Werwolf war (und ist) der faschistische Superheld, mit der Superkraft der Verwandlung in ein mordendes Monster.

Mein Vater gehörte keiner der beiden Organisationen an, aber er hatte als Wehrmachtssoldat noch am Krieg in Frankreich und Russland teilgenommen. Er erzählte nie von Kämpfen, sein einziges Opfer, das er zugab, war ein Hund gewesen, den er nachts auf Wache aus Versehen erschossen haben wollte. Doch er selbst war unübersehbar Opfer des Krieges. Er war bei einem Granatenangriff schwer verwundet und schon aufgegeben worden. Nur zufällig entdeckte jemand, dass einer der eingesammelten, zerfetzten Körper auf dem Pritschenwagen noch lebte. Mit Splittern im ganzen Körper, einem entstellten Gesicht und einer verstümmelten rechten Hand verließ mein Vater später das Lazarett. Ich erwähne das nicht nur, weil es ohne Zweifel ein schweres körperliches und seelisches Trauma für ihn bedeutete, sondern weil er später mit aller Gewalt dafür sorgte, dass ihn niemals wieder jemand übersehen oder vergessen würde. Seine für jeden sichtbaren Verstümmelungen mussten für den jungen, eigentlich attraktiven Mann eine Qual gewesen sein, eine unerträgliche Entwertung, nicht zu reden von den posttraumatischen Belastungen seiner Psyche. Wie alle seine Schicksalsgenossen des Weltkriegs hat er sich niemals in Therapie begeben. Aus Nazizeit und Krieg schwappte, wieder einmal, eine Generation der Versehrten und Traumatisierten in die „zivilisierte Welt“. Hatten nicht schon ihre traditionell brutale und empathielose Erziehung sie zu „Werwölfen“ gemacht, so hatte dies nun der Krieg erledigt, zu dem sie angeblich geboren und bestimmt gewesen waren. Das Monstrum hatte sie gebissen, und sie, die Überlebenden und ihre Angehörigen, durchlebten nun immer und immer wieder die grausamen Verwandlungen des Mannes.

Seine schier unüberwindbare und lang anhaltende Bedrohungsmacht erhielt der Werwolf für mich aber erst durch einen zweiten Umstand. Innerhalb unserer Familie gab es keinen Zweifel darüber, wer „der Böse“ war. Aber auch darüber, wer unter ihm am allerschlimmsten zu leiden und daher unser Mitleid und unseren Beistand verdient hatte: unsere Mutter. Kinder denken so, sie fühlen sich sogar selbst mitschuldig am Leid ihrer Eltern. So kam es, dass unser Vater in uns Kindern über die Jahre hinweg neun Opfer, Knechte, Unterworfene (und praktischerweise immer wieder zu Unterwerfende), und unsere Mutter ihre Leibgarde und neun bedingungslos an sie Gekettete fand. Sie beließ es allerdings nicht dabei, unternahm auch nichts zur Besserung der Situation, sondern, und hier komme ich auf die „Propaganda“ zurück, beteuerte immer und immer wieder, dass alle Männer gefährlich seien. Sie kenne nur zwei Ausnahmen, ihren im Krieg gefallenen Bruder und einen Offizier, der sich ihretwegen selbst erschossen haben sollte – zwei tote Männer also. (Auch sie war ausgiebig „gebissen“ worden, als Kind, als Jugendliche, als junge, wehrlose Frau unter sowjetischen Besatzungssoldaten.) Ob sie sich darüber klar war, dass sie ihren Söhnen eine Art Auftrag erteilte, weiß ich nicht. Darin im Angesicht von vier werdenden Männern aber keinen Wunsch zu erkennen, ist kaum möglich. Von dort bis zu dem, was ab jener Nacht im Mai 1977 mit mir vorging, ist es kein großer Schritt. Im Alter von zwölf Jahren, an der Schwelle zur ganz und gar unvermeidlichen Pubertät, vom Anblick des mordenden Wolfsmannes wie durch einen Katalysator beschleunigt, ergriff, unbemerkt von mir selbst, ein nicht zu umgehender Befehl Besitz von meinem Unterbewusstsein:
Niemals darfst du so werden!
Niemals darfst du ein Werwolf werden!
Niemals darfst du ein Mann werden!
Das zähnefletschende, mächtige, alles verschlingende Monster war ab sofort das dräuende Schicksal über meinem Leben, erwartete mich in dunklen Ecken, stand vor der Tür, im Garten, hinter der Treppe. Ich verkroch mich vor ihm unter meiner Bettdecke, flüsterte Beschwörungsformeln, um es zu vertreiben, aber trotzdem und unübersehbar wurde ich jeden Tag immer mehr zu einem Mann.

Die menschliche Psyche ist sehr formbar und erfindungsreich. Ich, besser gesagt mein Unterbewusstsein, fand einen notdürftigen, einen traurigen und folgenreichen Ausweg aus dem entsetzlichen Dilemma. Ich blieb einfach ein Zwölfjähriger. Ein Kind, kein Mann. Und es fiel mir selbst erst gar nicht auf. Doch irgendwann, als der Abstand größer geworden war, kam immer öfter der Gedanke auf: „Die merken wirklich nicht, dass ich eigentlich zwölf bin!“ Die Illusion des Verharrens, die mich selbst notdürftig schützte, geschah im Grunde, auch wenn Gedanken Berge versetzen können, nur in meinem Innern, nicht körperlich. Aber sie half. Sie half mir, mich selbst nicht als Mann sehen zu müssen. Und der Werwolf half dabei, dass ich damit nicht aufhörte. Denn er blieb und drohte weiter und machte mir Angst. Um den Gang der Natur aufzuhalten, braucht es eben ein mächtiges, übernatürliches Wesen.

Sprich darüber. Diese zwei simplen Worte hätten alles ändern können. Nicht unbedingt innerhalb meiner Familie, aber für mich selbst. Doch das Schweigegebot war nicht nur mir dermaßen in Fleisch und Blut übergegangen, dass ich lange Zeit nicht einmal den Versuch machte, mit irgendjemandem offen über meine Situation zu kommunizieren (maskierte Versuche gab es, gibt es immer). Ich versuchte, irgendwie durchzukommen. Ich schämte mich für meine Angst.

„Wenn ich erwachsen bin, hört das auf“, dachte ich damals, wenn ich noch als Jugendlicher, als Oberstufenschüler mit erster Freundin vom Werwolf besucht wurde. Ich irrte mich und erkannte den Widerspruch nicht, der für mich damit verbunden war. Erwachsen sein hieße ja Mann sein. Freundin ging irgendwie, solange ich „lieb“ war. Solange ich kein Mann wie mein Vater war. Dass ich nicht vollständig anwesend war in meinen Beziehungen, fiel mir selbst nicht auf. Die Angst, sie kam mir kindlich vor, und sie erinnerte ja auch wirklich an die vor dem „großen bösen Wolf“ der Schallplatte, damals. Aber ich verstand noch lange nicht, was es damit auf sich hatte.

Ich gewöhnte mich an die Umstände. Bis sie sich änderten. Ich verließ mein Elternhaus, zog nach Essen zum Studium. Meine erste eigene Wohnung lag in einem abgelegenen Waldhaus. In der Kunsthochschule, in der Schauspielklasse, überall neue, unbekannte Menschen, andere Erfahrungen, andere Lebensweisen. Viele junge, hochtalentierte, sehr attraktive Frauen. Schnell fühlte ich mich zu manchen hingezogen. Der Werwolf bäumte sich so furchteinflößend auf wie lange nicht. Wenn ich nachts mit dem Rad von der Hochschule am See entlang und durch den Wald zu meiner Wohnung fuhr, war er hinter mir her. Ich zwang mich, mich nicht umzusehen, trat in die Pedale wie ein Gejagter, denn das war ich. In meinen ersten Semesterferien, allein im Waldhaus, bekam ich Halluzinationen, ein Reh in meinem Zimmer, dann ein Geschöpf zwischen buckliger, alter Hexe und einem Leguan, das sich von draußen auf mich stürzen wollte, und das mir vorkam wie meine Mutter, so wie im Traum, wenn man weiß, um wen es sich handelt, auch wenn es nicht so aussieht. Ich litt unter dem Alleinsein und unter den Ängsten. Ich zog in eine Wohnung in der Stadt. Ich verliebte mich, unglücklich, hatte Beziehungen, unglücklich, unstet, unentschieden, unfrei, belastend, für beide. Und der Werwolf stand drohend im Türrahmen, so groß und kräftig wie nie, seine dunkle Silhouette reichte schon. Alles bloß Fantasie, alles nur Einbildung, sagte ich mir, schau doch, da ist nichts. Es nutzte nichts, es änderte sich nicht. Was sich änderte: Zum ersten Mal reagierten Menschen anders auf mich. Das Leben, das ich bisher gelebt hatte, erschien diesen Menschen, die ein ganz anderes Leben kannten, nun seltsam, traurig oder gar erschreckend – dabei hatte ich nur „Unverfängliches“ erzählt, Dinge, die mir „ganz normal“ vorkamen, z. B. dass ein Geburtstag aus keinem besonderen Grund gefeiert wird. „Man feiert DICH, man feiert, dass DU da bist!“, bekam ich zur Antwort. Das war mir neu. Das Wort „Liebe“ benutzten manche wie ein alltägliches Wort. Mir machte es Angst. „Ich liebe dich!“, sagte mir eine Kommilitonin, weil sie mich sehr gern mochte. Ich mochte sie ebenfalls sehr, konnte aber außer einem hilflosen Lächeln nichts erwidern. Ich hatte Angst. Ich fühlte mich wie in einem Käfig, und dieses Gefühl stimmte. Ich war gefangen. Nicht frei. Gefangen in dem Auftrag: „Werde niemals ein Mann!“ Ich litt entsetzlich, ich war Anfang zwanzig. In dem Alter leben Menschen ihre Sexualität aus, nach allen Regeln der Kunst. Normalerweise. Ich war nicht enthaltsam, aber jede Beziehung bedeutete sehr bald entsetzliche Seelenqual. Für mich, und, wenn sie sich darauf einließ, auch für sie. Ich war nicht „böse“ wie mein Vater, das war ich niemals. Ich war zuvorkommend, zärtlich, aufmerksam, wenn ich nicht gerade vollkommen in mir gefangen war, mich zurückzog, unsichtbar machte, unerreichbar. Und das war ich immer wieder, immer mehr. „Ich“ gab es in der Beziehung gar nicht. „Ich“ verlor sich in der bereitwilligen Unterwerfung, um gar nicht erst in die Gefahr zu geraten, als jemand mit eigenen Vorstellungen angesehen zu werden, denn es konnten ja die falschen, die „bösen“ sein. Nicht alle ließen sich darauf ein, und das war gut für sie. Am Ende meines Studiums war ich, nicht nur, aber auch deswegen, ein seelisches Wrack. Zerrissen zwischen dem, was Menschen eben sind und was sie wollen, und der Überzeugung, der Werwolf (in mir) verwehrte mir all das. Ja, ich sah ihn jetzt auch als Teil von mir. Und damit lag ich ja nicht falsch.

Was geschieht mit einem Lebendigen, mit einem gerade Aufblühenden, der sich immer wieder unterdrückt, begrenzt, deckelt, beschneidet, weil etwas in ihm glaubt, das tun zu müssen? Der sich und sein offensichtliches Handeln nicht wirklich sieht, nicht versteht und erst recht nichts daran ändern zu können glaubt? Der einen bestimmten – und bestimmenden – Teil des Menschseins zumindest für sich selbst verleugnet und dauerhaft zu umgehen versucht? Die fordernde Seite der Liebe, das befreiende Potenzial einer Bindung, die sich selbst bewusste, nicht zerstörerische Männlichkeit – all das gab es für mich nicht, entweder glaubte ich, es sei „böse“, es existiere überhaupt nicht oder eben nicht in mir und für mich. „Liebe“ war ein Tabuwort, es war in meinem Elternhaus niemals ausgesprochen worden, wir kannten es nur aus den verlogenen Schlagerschnulzen in der ZDF-Hitparade. Es bedeutete: Gefängnis. Bindung, Bekenntnis hieß, wenn nicht Unterwerfung der Partnerin, dann die eigene. Eine Beziehung bedeutete Gefahr. Offen Interesse zu zeigen, war vollkommen unmöglich, hätte eine Demaskierung als Monster bedeutet. Hinter jeder möglichen Partnerin lauerte die bekannte, bedrohliche Silhouette. Wie kann ein Mensch so leben? Er kann es nicht. Nicht ohne irgendeinen, wenn schon nicht Ausweg, so doch Ausgleich. Mein lebensrettender Ausgleich war meine Kreativität, das künstlerische Handeln und Erleben. Ich hatte einfach Talent dazu. Menschen, die diesen Weg nicht einschlagen können, müssen irgend einen anderen gehen oder den ihren beenden. Wir können Menschen mit vergleichbar einschnürendem oder bedrängendem seelischen Hintergrund erkennen in religiösen Eiferern und Extremisten, Selbstmordattentätern, Amokläufern, in Sexualstraftätern, Suchtkranken, Alkoholikern, Gewaltverbrechern, in Workaholics und autoritären Anführern in der Wirtschaft, der Politik und anderen Bereichen, natürlich in vielen Künstler*innen aller Zeiten und Orte. Oder in denen, die es eben genau so machen, wie sie es gelernt haben, den familiären Tyrannen, den toxischen Partner*innen, denen, die einen anderen Weg erst gar nicht suchen. Manche dieser Kompensationsversuche bescheren der Gesellschaft immensen Nutzen, der Wirtschaft, der Kultur. Keiner davon löst, aber alle verschleiern das zu Grunde liegende Drama. Es mag individuelle Ausnahmen davon geben, aber nicht viele. Ich weiß nicht mehr, durch wen oder was ich damals auf Theweleits „Männerphantasien“ aufmerksam wurde. Jedenfalls erstand ich die beiden Bände, und zum ersten Mal bekam ich überzeugende Antworten auf quälende Fragen meines Lebens – aus einem Buch über Faschisten.

Nach dem Abschluss des Studiums besserte sich meine Situation nicht grundlegend. Warum auch? Ein neues Umfeld, neue Menschen, eine neue, sehr anspruchsvolle Aufgabe. Professioneller Schauspieler an einem Staatstheater. Ich hätte Selbstbewusstsein und Attraktivität daraus schöpfen können, und ein wenig gelang mir das auch. Aber Beziehungen quälten mich, entgleisten schmerzhaft, überforderten mich bis zur völligen Erschöpfung. Du brauchst Hilfe, sagte sie irgendwann zu mir. Ich begann meine erste Psychotherapie, begann dort, über mein Leiden zu sprechen, nicht über den Werwolf. Doch ich begegnete ihm sogar einmal in der Therapiesitzung. Als mein Psychotherapeut, ich hatte ihn erst wenige Monate aufgesucht, sich in einer regulären Sitzung überraschend in den Ruhestand verabschiedete, verschwamm mein Blick für kurze Zeit und der grauhaarige, bärtige ältere Herr hinter dem Schreibtisch verwandelte sich für einen kurzen Moment in einen Werwolf, der mich ebenso gütig und freundlich anschaute wie der Therapeut. Vielleicht freute sich der Wolf auch nur, dass er fürs erste davongekommen war – die Therapie war vorzeitig beendet, der scheidende Therapeut wollte mir – und sich selbst – glauben machen, im Grunde sei ich ja auf einem guten Weg und alles sei jetzt in Ordnung. Das war es ganz und gar nicht. Der nette, selbstzufriedene Therapeut, er war einer von ihnen.

„Beziehungsprobleme“ sind eine Sache unter Erwachsenen, sie sind selbst verantwortlich. Das ändert sich aber, wenn ein Kind dazu kommt. Als das in meinem Leben geschah und sich nichts geändert oder gar gebessert hatte, musste ich etwas unternehmen. Du brauchst Hilfe, sagte sie. Ich begann eine Psychoanalyse. Nicht unbedingt das, was man unter schneller Hilfe versteht – meine Beziehung, mittlerweile sogar Ehe, dann sogar meine eigene Familie, zerbrachen im Verlauf der Analyse – aber hinter der entsetzlichen, scheinbar absurden Quälerei des Prozesses schien es tatsächlich Hoffnung auf eine tiefgreifende, dauerhafte Änderung, auf einen Weg aus dem totalen emotionalen Chaos zu geben. Ich war um die dreißig. Sie merken wirklich nicht, dass ich noch zwölf bin, das dachte ich, manchmal, noch immer. Ich hatte mich, was Liebesbeziehungen betraf, in dieser Vorstellung eingesperrt. In der Analyse sprach ich über alles. Irgendwann schwand die Präsenz des Werwolfs, verblasste allmählich. Dann kam der Tag, der alles veränderte.

Etwa fünf Jahre nach dem Beginn der Analyse geschah dort etwas, einfach so, ohne „Auftrag“ des Analytikers, ohne Vorankündigung, in einem der zahlreichen Momente des Schweigens. Wieder mit einem inneren Bild verbunden, öffnete sich etwas, und etwas wehte wie durch ein offenes Fenster hinaus, fort aus meinem Leben. Wieder wusste ich, auch wenn ich „es“ nicht sehen konnte, was es war, und das, was es war, überraschte mich. Es war der Hass meiner Mutter. Er war es, mit dem ich mich von Kind an identifiziert hatte, weil das Vorbild meines Vaters außerhalb jeder Akzeptanz gelegen hatte. Es war der Hass, der sie ergriffen und nicht mehr losgelassen hatte, nachdem sie selbst von frühester Kindheit an wieder und wieder von Monstern, von Männern und Frauen, Vertrauten und Fremden, zerstört worden war. Es war ihr Hass, das einzige, was sie uns bereitwillig schenkte, denn Liebe, Zuneigung und Zärtlichkeit machten ihr Angst. Er war die drohende Kraft hinter dem Werwolf gewesen. Nun hatte er sich von mir gelöst, ich hatte es deutlich und unmissverständlich gespürt und ihn doch erst in diesem Moment beim Namen nennen können. Wieder so ein entscheidender Augenblick, wie damals mit zwölf vor dem Fernseher. Jetzt begann ich, über dreißig Jahre, nachdem ich es weggesperrt hatte, wieder mein eigenes Leben, begann, Vertrauen zu meinen eigenen Gefühlen zu entwickeln, durch sie an der Welt teilzuhaben. Gefühle wurden wichtig für mich, nicht mehr als Bedrohung, sondern als Orientierung. Nicht nur in Beziehungen, sondern in jeder Beziehung zur Welt. Es war, als ob ein organisch-emotionales System nach mindestens dreißig Jahren wieder in Betrieb gehen konnte. Was Kinder unter gesunden Umständen erfahren und lernen im Umgang mit ihren Emotionen, das begann nun auch bei mir zu funktionieren. Gefühle konnten verarbeitet werden, statt sich monatelang festzusetzen und mich qualvoll zu blockieren. Sie konnten verbalisiert werden. Ich begann, anderen Menschen als der zu begegnen, der ich bin. Ich war Mitte dreißig.

Reste blieben, Prägungen, neurologische Programmierungen, die so alt und tief sind, dass sie wohl niemals vollständig überschrieben werden können. Ich bin kein anderer Mensch geworden, und doch sehr verändert. Der Werwolf ist heute eine Erinnerung. Keine angenehme. Unangenehme Erinnerungen sind, wenn sie auftauchen, eben unangenehm, aber nicht beängstigend. Sie verfliegen im nächsten Moment. Ich schreibe über den Werwolf, analysiere ihn, die Erinnerung taucht auf, irritiert kurz, verfliegt. Kein Abgrund der Angst öffnet sich unter mir, stattdessen Wehmut. Mitleid mit denen, die „ihm“ zum Opfer gefallen sind, Bedauern über Verletzungen, verlorene Chancen, über Belastungen, vor denen ich auch meinen eigenen Sohn nicht schützen konnte. Die tiefe Prägung, als Mann nicht „böse“ sein zu dürfen, ist nicht völlig aufzulösen und beeinflusst mich ohne Zweifel noch immer im Umgang mit Beziehungen – aber ganz und gar beherrschen kann sie nicht mehr. Die Auseinandersetzung damit hat mich außerdem empfänglich und sensibel gemacht für die bedeutenden Probleme, die zum Glück heute immer deutlicher und entschiedener adressiert werden – toxische Männlichkeit, starre Genderfestlegungen, #metoo, Diskriminierung, Rassismus, Gewalt in Familien und anderes, nicht zuletzt die jahrzehntelange Beschäftigung mit den Ursachen des Faschismus, mit der „schwarzen Pädagogik“, mit dem familiären Schweigegebot schon seit den Tagen des Alten Testaments: „Du sollst Vater und Mutter ehren.“ Über die gesellschaftlichen und politischen Zusammenhänge all dessen bin ich mir durchaus im Klaren: Sollten die positiven Veränderungen, die gerade rund um den Globus im Gange sind, sich weiter entwickeln (natürlich gegen den erbitterten Widerstand von angstgesteuerten Faschisten, Trumpisten, Autoritären und anderen), können sie beispiellose Umwälzungen zur Folge haben, denn „der Krieger“ ist als verhängnisvolles Ideal tief in der Identität ganzer Staaten, Völker und Gruppen verankert.

Andere Schriftsteller*innen werden mit Werwolf-Geschichten reich. Stephen King ist ein Meister und einer der erfolgreichsten Autoren der Gegenwart. Vampir-Romanzen überfluten die ganze Welt. Vom Horror-Kino und der Zombie-Welle gar nicht zu reden. Aber sie analysieren selten und fordern auch nicht zur Analyse auf, und wenn, dann subtil oder verkleidet. Sie gestalten Angstbilder und laden zum Gruseln ein. Das ist ein gigantischer Markt mit vielen Millionen Kund*innen, der nichts Anstößiges hat, außer dass er die Analyse/Erkenntnis im Großen und Ganzen eher verhindert. Ich möchte mich nicht über diese Kolleg*innen stellen, ich mache hier nur etwas anderes. Dieser Text, eine Untersuchung des Monsters, soll ganz bewusst keine Prosa, keine Fiktion sein, sondern geradeheraus, transparent, ohne Verkleidung die Dinge beim Namen nennen. In der Fiktion ist das schwierig. Mein „Wunder von Runxendorf“ z. B. mutet seinen Leser*innen viel zu und bietet keine Erleichterung an, geht manchen zu nahe, ist, auch wenn es sich „Mörder Roman“ nennt, kein Krimi. Selbst grabesdüstere Thriller aus Skandinavien sind immerhin noch Thriller. Doch alles „kulinarische“ wäre meiner Ansicht nach für „Runxendorf“ fehl am Platz gewesen, und ich wollte (und musste) keine Kompromisse eingehen. Die Beschäftigung mit der ländlichen Existenz der frühen Siebziger, wie ich sie erlebt habe, sollte aber eigentlich das Thema „meine Kindheit“ für mich abschließen. Stattdessen hat sie ein „neues“ Thema aufgemacht: den tiefsten persönlichen Kern von Angst, die ganze Leben beeinflusst und zerstört. Es ist, obwohl äußerst individuell und intim, durchaus beispielhaft und übertragbar. „Meine“ Angst (nicht Phobie) hatte ab Mai 1977 sogar eine unerwartet dauerhafte Gestalt. Doch sie muss, wie wohl jede „irrationale Angst“ eines Menschen, ergründet, verstanden und diesmal auch beschrieben und erklärt werden, wenn sie nicht nur zu einem der zahllosen Wiedergänger in Träumen, Liedern, Bildern, Büchern, Filmen – oder, wie es leider häufig geschieht – der Realität werden soll.

Mein Vater und unzählige Menschen, Männer, Väter, auch Frauen und Mütter vor, mit und nach ihm, konsumierte seine Kinder, fraß ihre grenzenlose Zuneigung und Liebe, ihren Reichtum an Fantasie, Spontaneität, Impulsivität, ihre ganze, kostbare und unersetzbare Vitalität auf, um seine eigene erschütterte, amputierte, lieblose, unverständliche und beängstigende Existenz zu stabilisieren, er betrank sich, um das entsetzliche Chaos in ihm zu betäuben, und irgendwann trank er sich mit voller Absicht zu Tode. Er richtete, wie Cranachs Werwolf, der übrigens als zweiten Titel „Der Kannibale“ trägt, in seiner eigenen Familie ein unvorstellbares Massaker an. Dass er, und nicht nur er selbst, sondern alle um ihn herum in seiner Familie, getröstet, gestärkt und vielleicht sogar geheilt hätten werden können und erst gar nicht all die Qualen hätten erleiden müssen, wenn er nicht den Weg des Raubtieres gegangen wäre, sondern den der Zuwendung, der Zärtlichkeit, der Schwäche, der friedlichen Kommunikation und des gegenseitigen Anvertrauens, aus dem wahre Stärke erst erwächst, dieser Gedanke ist ihm vermutlich nie in seinem Leben gekommen, denn er wusste überhaupt nicht, was das ist, und alle Wege dorthin schienen ihm verbaut. Auch meine Mutter offenbarte sich niemals wirklich irgendjemandem. Auch sie gebrauchte ihre Kinder, nahm sie gefangen wie Geiseln, denen sie Essen kochte. Von einem Zusammenleben in gegenseitigem Vertrauen, Zuneigung, Respekt und Offenheit hatten sie beide nicht die geringste Vorstellung, sie fürchteten und verhinderten es sogar, bis in den Tod. Angst und Bedrohung, das waren ihre bestimmenden Kategorien, und das, was sie ihren vielen Kindern vorlebten, aufzwangen und weitergaben. Für all das zusammen – die brutale Gewalt meines Vaters, den Hass meiner Mutter und ihrer beider Qual in der grotesken Entstellung des Tiermenschen – war der Werwolf die vollkommene Verkörperung. Und er ist es auch für die unselige, jahrtausendealte Tradition, die schon aus Kindern „Männer“, aus Männern Krieger, aus Familien und Gesellschaften Opfer und zugleich Brutstätten neuer Krieger gemacht hat und macht. Ich konnte die zerstörerische Kraft glücklicherweise auflösen, nicht ohne Schaden zu erleiden und anzurichten, aber ohne selbst zu einem ähnlichen Monster wie mein Vater geworden zu sein. Ich habe überlebt, ohne mich verwandeln zu müssen, weil ich mich irgendwann anvertraut habe.

Der Werwolf von Washington will am Schluss des Films seine eigene Partnerin anfallen. Sie erschießt ihn mit der Silberkugel, die er dafür selbst hat anfertigen lassen. Im Tod wird er wieder zum Mann. Das alte Gesetz des Märchens greift auch im Film: Das Monster muss sterben. Und am Ende der langen, blutigen Fährte des Werwolfs liegt ein weiterer toter Mensch. Übersetzt in die Realität ist das nicht eindringlicher zu formulieren, als es Rosaria Schifani, die junge Witwe eines der Leibwächter des italienischen Mafia-Strafverfolgers, 1992 auf der Trauerfeier für die Anschlagsopfer getan hat. Unter schweren Tränen, erkennbar gegen den Willen eines Mannes, des Priesters neben ihr, der ihr sofort das Mikrofon entzieht, ruft sie, abweichend von dessen Manuskript, an die Adresse der „Männer der Mafia“ flehend ins Mikrofon: „Ändert euch! Ändert euch!“


Hier können Sie die wichtigsten im Text genannten Bilder und Videos ansehen:

„Der Werwolf“ oder „Der Kannibale“, Lukas Cranach d. Ä.
https://de.wikipedia.org/wiki/Werwolf#/media/Datei:Werwolf.png

„Der Werwolf von Washington“ orig.
https://www.youtube.com/watch?v=72KAuDkTV9U

Rosaria Schifani (der beschriebene Moment findet sich zw. 0:50 und 1:10)
https://www.youtube.com/watch?v=X9jL35S_QRk

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